»Mein Leben – ein Tanz« von Lucija Stojevic

Die, die sehr viel weiß

»Der Takt ist der Schlüssel zu allem«, sagt die Flamenco-Tänzerin Antonia Santiago Amador. Sie ist unter dem Namen »La Chana« – so auch der Originaltitel des Films – berühmt geworden, und die kroatische Dokumentarfilmerin Lucija Stojevic erweist sich als großer Fan von ihr. Um La Chana davor zu bewahren, vergessen zu werden, zeigt sie deren heutigen Alltag und den letzten Auftritt: einen Flamenco-Tanz im Sitzen.

Der deutsche Titel »Mein Leben – ein Tanz« weckt Interesse auch bei denen, die den Namen der Katalanin noch nie gehört haben. Und die Beschäftigung mit ihr und ihrem Leben lohnt sich. Denn eine Frau mit so viel Temperament und Energie trifft man nicht alle Tage, vor allem nicht in Mitteleuropa. Bei jeder Gelegenheit sieht man ihre Hände rhythmisch auf den Tisch schlagen, an dem sie sitzt. Sie hat den Flamenco im Blut. Und in den Beinen: einige Gitarristen konnten da nicht mithalten.
Die am Heiligen Abend 1946 in Barcelona geborene Antonia beginnt im zarten Alter von 15 Jahren mit ihrem Onkel öffentlich zu tanzen. Sie erzählt, sie habe den ersten jungen Mann, der ihr den Hof machte, geheiratet und mit 18 eine Tochter bekommen. Bei diesem Talent ist der Lebensweg programmiert: tanzen, tanzen, tanzen. In Barcelona zählte schon Salvador Dalí zu ihren Verehrern. »Um ehrlich zu sein, war ich in einer anderen Welt, wenn ich tanzte«, sagt sie rückblickend. Der Film zeigt dann auch Aufnahmen aus vergangenen Tagen und Zeitungsausschnitte, die ihren Ruhm belegen. Dazu ist sie in einem Filmausschnitt aus »Bobo ist der Größte« von Robert Parrish zu sehen (Hauptdarsteller Peter Sellers lud sie nach Hollywood ein). »Der Applaus bedeutete, dass die Zeit im Paradies zu Ende war.«
Zwischen ihren Auftritten ging es dagegen weit weniger paradiesisch zu. Der Kavalier, den sie heiratet, erweist sich als gewalttätiger Haustyrann, über den sie, für ihre Begriffe, eher distanziert spricht. In der Macho-Kultur der Roma haben Frauen nichts zu melden. »Du musst still sein und gehorchen«, hieß es für eine Ehefrau nicht nur bei ihr zuhause. Die Beziehung zu ihrer Tochter hat dagegen bis heute gehalten. Sie hat sich als junges Mädchen wohl lange geweigert, eine Vorstellung ihrer Mutter zu besuchen. Schließlich nimmt sie dann doch eine Gelegenheit wahr, und heute fällt es ihr schwer, ihren damaligen Gemütszustand zu beschreiben: »Ich sah auf der Bühne eine Naturkraft, die zufällig und von außen aussah wie meine Mutter.«
Da der Film sich eines Kommentars enthält, ist man auf La Chanas Erinnerungen und die ihrer Tochter und engster Weggefährten angewiesen. »Sie war eine im goldenen Käfig eingesperrte Kaiserin«, heißt es über sie – und über den Verlauf ihrer Karriere: »Sie baute ein Imperium, aber andere verschwendeten es.« Das wird nicht näher ausgeführt, der bewundernde Blick auf La Chana dominiert. Der Name kommt aus dem Caló der Roma und bedeutet »die, die sehr viel weiß«, was die sympathische Namensträgerin lachend von sich weist. Doch in ihrem Alter ist ihr Name auf eine wehmütige Weise wahr geworden.

Claus Wecker
MEIN LEBEN – EIN TANZ (La Chana)
von Lucija Stojevic, E/IS 2016, 85 Min.
Dokumentarfilm
Start: 28.09.2017

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