»Matisse – Bonnard. Es lebe die Malerei!« noch bis 14. Januar im Städel

Im Licht des Südens

Der Spätimpressionist Pierre Bonnard ist in Deutschland kein Unbekannter – aber zu den ganz großen Stars der klassischen Moderne zählt er bis heute nicht. Vor allem für sein spätes Werk schätzt man ihn auch hierzulande, Bonnard, den Maler der leuchtenden Farbe, den »Magier der Farbe«, so wie er wiederholt genannt worden ist.
Bonnards Werk trägt in vielen Momenten radikale Züge, das kann man jetzt auch in Frankfurt sehen. Die Behandlung der Perspektive und die Kühnheit im Farbigen sind einzigartig, gerade auch im Vergleich zu Bonnards Künstlerfreund Matisse, deren 40 Jahre währende Künstlerfreundschaft nun im Städel beleuchtet wird.
»Es lebe die Malerei«, schreibt Matisse 1925 an seinen Künstlerkollegen. Gerade im Dialog, das ist die kuratorische Idee des Ganzen, sollte sich das Genuine, das Besondere der zwei Künstler gut herausarbeiten lassen. Matisse, 1869 geboren und Bonnard, zwei Jahre jünger, Vertreter der Klassischen Moderne, trennt auf den ersten Blick viel. Doch haben sie auch viel gemeinsam, wie die rund 120 Werke der Schau – Gemälde, Plastiken, Zeichnungen und Grafiken – zeigen: Schon ihre Themen sind dieselben: Interieur, Stillleben, Landschaft, der weibliche Akt.
Viele dieser Werke, die aus den ersten Häusern Europas geliehen worden sind (darunter das Art Institute of Chicago, die Tate Modern in London, das Museum of Modern Art in New York, das Centre Pompidou und das Musée d’Orsay in Paris, die Eremitage in Sankt Petersburg sowie die National Gallery of Art in Washington), viele dieser Werke, zu denen auch noch Arbeiten von Henri Cartier-Bresson kommen, der Bonnard und Matisse 1944 an der französischen Riviera fotografiert hat, gehören zu den Spitzenarbeiten der beiden Künstler, wie etwa der 1935 entstandene »Große liegende Akt« von Matisse. Der Impuls für diese Arbeit kam durch Bonnard. Genauer: Dessen »Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund«, entstanden um 1909, aus der Sammlung des Städel, hat Matisse entscheidend inspiriert.
Doch dies ist nur ein besonders prominentes Beispiel eines künstlerischen Dialogs, der in dieser Ausstellung zum ersten Mal zum Thema gemacht wird. Die Nähe der beiden Maler, das darf man nicht vergessen, hat auch zu tun mit ihrer Liebe zum Licht des Südens. Matisse ist seit 1917 immer wieder in Nizza, lebt nach dem Zweiten Weltkrieg an der Côte d’Azur. Bonnard kaufte schon 1926 eine Villa in der Nähe von Cannes, um dort in Ruhe arbeiten zu können.
Man besucht sich, man schreibt sich regelmäßig. Die Freundschaft der beiden – vielleicht ist »Freundschaft« schon übertrieben? – entwickelt sich unter südlicher Sonne, doch beide bleiben Einzelgänger. Auch darin sind sie sich einig. Beide stehen auf ähnliche und unterschiedliche Weise genauso für die Virtuosität, für die Schönheit, für die Tradition, wie für die Auflösung, für die Moderne. »Ohne Matisse kein Bonnard, ohne Bonnard kein Matisse in der Form, wie wir sie heute beide kennen«, fasst Kurator Felix Krämer, vielleicht dann doch etwas zu vollmundig, zusammen.
Doch was in jedem Fall besonders anziehend an dieser Ausstellung ist: Ihre Themen sind so herrlich alltäglich, so herrlich intim. Was zeigen uns die beiden? Blumenstilleben, sommerliche Gärten, Aktbilder – viel mehr brauchen sie nicht für ihre Kunst. Vielleicht macht sie gerade das zu echten Meistern? Beim Gang durch die Ausstellung jedenfalls ist man beeindruckt – Schönheit, Zeitlosigkeit und Einfachheit.
Bonnard und Matisse – der eine gilt gemeinhin noch als später Impressionist, der andere als Vorreiter der Abstraktion –, beide waren empfindsame Künstler, die in Frankfurt nicht getrennt, sondern gemeinsam, in dialogischer Hängung gezeigt werden. Nicht so sehr die Idee zählt in ihrem Werk, sondern das Gefühl. Das wurde viele Jahre durchaus mit Argwohn betrachtet. Die Schau im Städel nimmt auch in dieser Hinsicht eine dezente, aber wirkkräftige Korrektur vor.
Dennoch erzählt die Sammlung von Gemälden, Plastiken, Zeichnungen und Grafiken auch von Unterschieden, wie Krämer resümiert: »Ein Matisse-Bild, das dringt sofort in unseren Kopf ein. Wenn Sie das einmal gesehen haben, das vergessen Sie nicht, das können Sie auch danach gut beschreiben, hat aber die Gefahr immer des Dekorativen und des Eindeutigen, während Bonnard – der ist viel komplizierter. Für Bonnard brauchen Sie Geduld, Bonnard, da müssen Sie die Bereitschaft haben, sich auf eine Suche zu begeben, das Bild müssen Sie erforschen, erkunden.«
In seinen letzten Jahren malt Bonnard zunehmend expressiv die Landschaft Südfrankreichs. »Die Begegnung des inneren Gefühls der Schönheit mit der Natur, darum geht es«, schreibt er. 1942 stirbt seine Frau Marthe, fünf Jahre später Bonnard. »Vor den jungen Malern des Jahres 2000 möchte ich mit den Flügeln eines Schmetterlings erscheinen«, hat er einmal gesagt.
Zur Ausstellung ist ein umfangreicher, schöner Katalog im Prestel-Verlag erschienen, der sich hervorragend als Sehnsuchtsobjekt an grauen, verhangenen Wintertagen zur Hand nehmen lässt.

Marc Peschke
(Foto: Henri Matisse (1869 – 1954), Odaliske mit einem Tamburin, 1925/26)
Städel Museum Frankfurt
Bis 14. Januar 2018
www.staedelmuseum.de

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