»Maria by Callas« von Tom Volf

Wie aus Maria die Callas wurde

Es ist eine Geschichte, die wie erfunden klingt. Tom Volf, ein 28jähriger Schauspieler und Filmemacher, besucht im Januar 2013 einen Opernabend in der Met, Donizettis »Maria Stuarda«. In den Tagen danach sucht er im Netz nach anderen Interpretationen. Er klickt und klickt, bis er an einer Stimme, die er bis dahin nicht kannte, hängenbleibt. Es ist die von Maria Callas. Wie so viele vor ihm ist Volf sofort gefangen. Er liest und hört weiter, gräbt sich in das Leben der Primadonna assoluta ein, besessen von der Idee, alles über sie in Erfahrung zu bringen.

Bald reicht es ihm nicht mehr, nur zu lesen. Er beginnt Menschen zu treffen, die der Callas persönlich begegnet sind. Ihre Freundin Nadia Stancioff, die sie als Presseassistentin von Pasolini beim Dreh von »Medea« 1969 kennenlernte. Oder Franco Zeffirelli, Viscontis Assistent zu Zeiten seiner »Vestalin«-Inszenierung an der Mailänder Scala 1954. Oder Georges Prêtre, einer ihrer Lieblings-Dirigenten. Schließlich Ferruccio Mezzadri and Bruna Lupoli, die als Majordomus und Haushälterin die Sopranistin über 25 Jahre ihres Lebens begleiteten.
Von ihnen erhält Volf ein verschollenes Dokument: ein überraschend persönliches, unveröffentlichtes Interview, das der britische Starjournalist David Frost 1970 mit der Callas führte. Für Volf ist klar: um dieses Interview herum will er einen Film bauen. Einen Film, der von zwei Figuren erzählt, der Diva und dem Menschen dahinter. Oder, wie es die Callas gleich zu Beginn der knapp zweistündigen Dokumentation selbst sagt: »Ich trage zwei Menschen in mir. Ich möchte Maria sein, aber da ist auch die Callas, der ich gerecht werden muss.« David Frost fragt direkt nach: »Bei einem Konflikt, wer gewinnt da, Maria oder die Callas?« Ihre Antwort: »Ich möchte glauben, dass sich beide vertragen. Denn Callas war einst Maria. Wenn mir jemand beim Singen wirklich ernsthaft zuhört, wird er mich darin erkennen.« Das ist der Ausgangspunkt einer als raffinierte Collage arrangierten Films, der auf die unterschiedlichsten Bild-, Film- und Tondokumente, auf private Fotos, nachcolorierte Super 8-Filme sowie unzähligen Aufzeichnungen von Auftritten und Begegnungen mit Journalisten zurückgreift.
In »Maria by Callas« erzählt die Callas ihr eigenes Leben in ihren eigenen Worten. Das Hadern mit ihrer Begabung und ihrer Berühmtheit, von der sie zugleich nicht loslassen wollte. Die Liebe zu Aristoteles Onassis, die Rückkehr auf die Bühne, die großen Erfolge, der Rausch, aber auch die Zweifel und die Verausgabung, die immer größer zu werden scheinen. Briefe der Callas werden gelesen, im französischen Original von Fanny Ardant, in der deutschen Fassung von Eva Mattes. Und Volf lässt sie singen, viel singen, was noch heute die beste Idee ist, um zu verstehen, wie aus Maria die Callas werden konnte.

Tim Gorbauch

 

Maria by Callas: Mi., 16.5., um 20.30 Uhr in der Filmreihe» I Can See Music« in Orfeos Erben. Ab 17. Mai auch da im Programm.

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