MAK: Das Prinzip Kramer – Design für den variablen Gebrauch

Kramerstuhl (Foto: Martin Pudenz)Tische aus Pabbedeggel für in die Beach

Ein Stuhl, mehr nicht. Ein modifizierter Thonet ist das einzige Exponat im großen Archiv des Museums Angewandte Kunst (MAK), das auf das (nahe) Wirken des Architekten und Gestalters Ferdinand Kramer (1898–1985) verweist. Zwar hat sich Kramer, der ausgangs der 20er Jahre am Neuen Frankfurt von Ernst May beteiligt und nach 1952 für den Wiederaufbau der Goethe-Universität verantwortlich war, primär als Architekt in das öffentliche Bewusstsein graviert. Dass der gebürtige Frankfurter auch ein erfolgreicher Gestalter und Erfinder von Alltagsobjekten war, blieb in seiner Vaterstadt erstaunlicherweise weitgehend unbekannt.

Die Ausstellung »Das Prinzip Kramer« am MAK ist deshalb ein Heimspiel von auswärtigen Gnaden: Bis auf den besagten Stuhl kommen alle Exponate der so verdienstvollen wie überfälligen Werkschau von außerhalb. Vor allem aus Wuppertal, wo es der kuratierenden Gerda Breuer, Professorin für Design-Geschichte in Bochum, gelang, die weltweit größte Sammlung mit Kramer-Objekten aufzubauen. Dass Breuer zur Eröffnung der Schau ihrem Hauptlieferanten für sein preisliches Entgegenkommen dankte, ließ denn auch reihum schmunzeln: Es ist die Goethe-Universität.

Tische, Stühle, Liegen, Bänke, Schränke, Aschenbecher, Lampen, Regenschirme und vieles mehr von allem, was der Mensch so braucht, hat Kramer entworfen. Auf zwei großen Rampen im ersten Stock des Richard-Meier-Baus sind mehr als 200 seiner Arbeiten zu sehen. Das Besondere an ihnen ist, dass sie nichts Besonderes sind. Im Vordergrund seines Interesses standen weder die Ästhetik noch die Originalität, sondern allein die Funktion. So funktional wie die übersichtlichen Wohnungen des Neuen Frankfurt sollten auch die dort zum Einsatz kommenden Möbel sein. Einfach, stabil, zweckrational und preiswert zu produzieren.

Kramers sinnfällige Produkte sind eine soziale Antwort auf die Verstädterungsschübe der Moderne. Von den Nazis als Vertreter der »entarteten Architektur« mit Berufsverbot belegt, ging der mit einer Jüdin Verheiratete nicht wie May nach Moskau, um in der Sowjetunion Trabantenstädte zu bauen. Es gelang ihm 1938, in die USA zu gehen. Die Mobilität und der Pragmatismus der Amerikaner inspirierten Kramer zu immer neuen Ideen, die man durchaus als einen Vorgriff auf Ikea bezeichnen kann. Er entwarf leicht zerlegbare »Knock-down-Möbel« aus multifunktionalen Bauteilen oder auch die als Tisch, Stuhl und Regal nuntzbare »Three in One«-Konstruktion. »Really american« sind Kramers Wegwerf-Regenschirme aus Papier, die der Überlegung folgen, dass Amerikaner sich allenfalls vom nahen Parkplatz bis zur Haustür im Freien bewegen. In einem Filmausschnitt auf hr-online (nicht im MAK) aus den Achtzigern stellt er in schönstem Frankfurterisch seinen Tisch »in Pabbedeggel für in die Beach« vor, auf dem ein Schachbrett aufgemalt ist und der Abstelllöcher »für die Coca-Cola«.hat. »Nachher wurd‘er dann einfach mit einem Streichholz angesteckt, und er war weg«, erläutert der Jugendfreund von Theodor Adorno im lakonischen Stil der Neuen Frankfurter Schule.

Lorenz Gatt
Bis 2. September: Di. – So., 10 – 18 Uhr; Mi., bis 20 Uhr
www.museumangewandtekunst.de

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