Mainz präsentiert Franz Kafkas »Der Prozess« als Spektakel

Platinblond in die Verzweiflung

Das Staatstheater Mainz hat im Kleinen Haus die Geschichte des Josef K. auf die Bühne gezaubert, »nach Motiven von Franz Kafka« wie es einschränkend heißt. Beeindruckend sind vor allem die Bilder, mit denen sich der niederländische Regisseur Jakop Ahlbom dem erst 1925 in der bekannten Fassung veröffentlichten Roman »Der Prozess« nähert, der von einem Mann handelt, der vergeblich zu ergründen sucht, weshalb er angeklagt und verurteilt wird.
Zum anschwellenden Geräusch einer tickenden Uhr erscheint der berühmte erste Satz (»Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet.«) auf der dicht an die Rampe gerückten weißen Bühnenwand, um dort bald einem projizierten Muster von immer kleineren Rahmen zu weichen. Der kleinste davon in der Mitte öffnet sich zu einem schmalen Spalt, in dem man Josef K. schlafend liegen sieht. Hinter seinem Bett stehen, nur bis zur Brust sichtbar, die zwei dubiosen Gestalten, die ihm seine Verhaftung mitteilen und sein Frühstück aufessen.
Der Raum verändert sich mit jedem Erzählschritt, wird weiter, höher, stufiger, und dann auch wieder kleiner. Er ist Büro, Gerichtssaal, Zimmer, Kanzlei, Dom und auch Richtstätte (Bühne: Katrin Bombe). Und wird jeweils von Figuren bevölkert, die kaum zu unterscheiden sind oder gar Masken tragen. Die Männer tragen wie K. platinblondes gescheiteltes Haar und graue Ganzkörperanzüge, die knallrot gelockten Frauen verführerisch orangenfarbene Faltenröcke – und öffnen sie bisweilen lasziv. (Kostüme: Katrin Wolfermann). Ahlbom gelingen mit dem bis auf den Protagonisten (endrucksvoll: Sebastian Brandes) kaum identifizierbaren Ensemble aussagestarke Choreografien: die Bürokollegen, die sich von K. abwenden und ihn auslachen, die Frauen, die ihn bedrängen oder betrügen, die Advokaten, die ihn demütigen.
Im Laufe des »Prozesses«, der ja nicht wirklich stattfindet, dunkelt das blonde Haar K’s. Er individualisiert sich, separiert und isoliert sich zusehends, bis hin fast zur physischen Selbstaufgabe. Ahlbom webt seiner Inszenierung Motive aus anderen Werken Kafkas ein: der verzweifelte Tanz des (hier von Finn Lakeberg vom Hausballett gedoubleten) Protagonisten erinnert an die zeitgleich entstandene Erzählung »Das Urteil« mit dem tödlichen Sprung von der Bücke; und die Domszene mit dem Geistlichen enthält zur sichtbaren Freude des Deutsch-Leistungskurses in Reihe 3 die von Kafka schon vorab veröffentlichte Türhüterparabel »Vor dem Gesetz« inklusive talmudischer Diskussion.
Im Bühnenausschnitt des Anfangs zieht auch das deprimierende Schlussbild auf. Weit zurück versetzt, wird das Todesurteil vollstreckt, während die Schlussworte des Romans (»Es war, als sollte die Scham ihn überleben«) auf der Wand erscheinen. Neun Schauspieler, von denen keiner hervorgehoben werden soll, bewältigen glänzend zwanzig Rollen, ergänzt durch sieben aus der Statisterie für die ausgeklügelten Choreografien. Wenig Schnickschnack auf der Bühne, gezielt gesetzte Farbtupfer in Rot, Orange und Blau. Auch die Video-Projektionen auf dem Rahmen (Zahlen, Paragraphen) und die Musik bleiben lobenswert dezent. Eine Inszenierung, die beunruhigt und überzeugt.

Katrin Swoboda (Foto: Andreas Etter)
Termine 3., .13., 22., November, 19.30 Uhr
www.staatstheater-mainz.de

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