Maifestspiele Wiesbaden zeigen Tanzchoreografien von Marco Goecke, LeineRoebana und Alain Platel

Von Nijinskis Faun bis zu Mahlers Kadavern

Mit drei sehr unterschiedlichen spektakulären Produktionen und Handschriften ist der Tanz bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden mit von der Partie.
Da ist zum einen – und vor allem – Marco Goeckes Choreografie mit der Stuttgarter Gauthier Dance Company über das Ballett-Genie Vaslaw Nijinski, dessen Namen die Ballettwelt auch mehr als 100 Jahre nach seiner großen Zeit noch immer elektrisiert. Nijinski war Tänzer und Choreograf und gilt als Begründer der Moderne. Weitgehend chronologisch erzählt »Nijinski« die kometenhafte Karriere des russischen Genius, bei dem Kunst und Wahnsinn ganz nah beieinander lagen. Die Musik stammt größtenteils von Frédéric Chopin und von Claude Debussy. Nijinskys an Letzterem anlehnende Choreografie »L‘après midi d‘un faune« von 1912 über die erotischen Phantasien eines Fauns versetzte die Pariser Gesellschaft in Aufruhr. Zu dieser Zeit war er der Star des »Ballett Russe« um den Impresario Djagilew und zugleich dessen Liebhaber. Als 1913 Nijinsky eine Frau heiratete, kam es zum Bruch. Ein paar Jahre drauf beendete er seine Tanzkarriere. Die Diagnose lautet: Schizophrenie.
Goeckes Choreografie bleibt auf das Wesentliche reduziert, versehen mit der für ihn typischen Bewegungssprache, bei der vor allem die Arme arbeiten und die Tänzer schnaufen, zischen, tuscheln und schreien. »Ein Tanzstück, mit allem, was wir haben, an Leidenschaft für den Tanz und auch mit dem Quentchen Wahnsinn, um das alles überhaupt zu tun«, kündigt der 44-jährige Haus-Choreograf am Stuttgarter Ballett an. Er will zeigen, wie sich der Wahnsinn Bahn in Nijinskis Leben bricht und sich der auf seinen Ruhm folgende Einbruch vollzieht. Auf dem Höhepunkt der Inszenierung lässt Mario Goecke mit einem lauten Knall rote Blütenblätter auf vier der ausgezeichneten Tänzer der Gauthier Dance Company regnen. Unter diesen verdient Rosario Guerra einen besonderen Hinweis dafür, dass er Nijinskys rasante Technik ebenso beeindruckend demonstriert wie dessen große Zerrissenheit.
Mit »Light« greift das Gastspiel der Kompanie LeineRoebana zwei für sie bedeutende Themen auf: die Musik und den Kontinent Asien. Im Jahr 1990 von Andrea Leine aus den Niederlanden und Harijono Roebana aus Indonesien gegründet, verbindet das Choreografen-Duo die traditionelle Tanzkultur Javas mit seinem eigenen westeuropäisch geprägten Stil. »Light« wird von einer heterogenen Gruppe aus Tänzern, Opernsängern und Musikern aufgeführt, die alle singen, tanzen und musizieren und so eine Welt präsentieren, in der kulturelle Unterschiede kein Hindernis sind, sondern eine Grundlage für Kreativität und Kommunikation. Die Musik des indonesischen Komponisten Iwan Gunawan, expressiv interpretiert von seinem Gamelan-Ensemble Kyai Fatahillah, bewegt sich dabei leichtfüßig zwischen Volkstümlichkeit und Minimal Music.
Alain Platel, gelernter Orthopädagoge aus Gent, steht für ein spirituelles und oft auch rüdes Körpertanztheater. In »nicht schlafen« will er mit les ballets C de la B der Krise einer ganzen Epoche zum Ausdruck verhelfen. Und das klingt tatsächlich epochal, begegnen sich in Platels Klangraum doch Elemente aus den neun Sinfonien Gustav Mahlers mit afrikanischer Musik, Soundscapes von Kuhglocken und Geräuschen von schlafenden Tieren sowie den Stimmen zweier kongolesischer Sänger, die gleichzeitig auch tanzen.
Inspiriert wurde die Choreografie von Philipp Bloms »Der taumelnde Kontinent«, einer literarischen Abrechnung mit der Zeit von 1910 bis 1914. Platels Tänzer, acht Männer und eine Frau, fallen derart wild übereinander her, bis die Kleidungsstücke zerreißen und als zerfetzte Zivilisationshüllen auf der Bühne zurückbleiben. Noch spektakulärer dürfte die von drei Pferdekadavern drapierte Bühne der belgischen Bühnenbildnerin Berlinde de Bruyckere sein, ein Anti-Kriegsdenkmal aus Stahl und Silicon und echtem Fell, das an die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges gemahnt. Hier sieht der Theatermann Alain Platel, der gelernte Heilpädagoge mit Erfahrungen aus der Psychiatrie, auch den Zusammenhang zu Gustav Mahlers Musik, mit der er sich für »nicht schlafen« auseinandersetzt.

Walter H. Krämer
Termine 3., 4. Mai (»nicht schlafen«); 6., 7. Mai (»Nijinski); 12., 13. Mai (»Light«), jeweils 19.30 Uhr
www.staatstheater-wiesbaden.de

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