Mätzchen

Der neue Chefdirigent,  Andrés Orozco-Estrada, hat sich im letzten hr-Abo-Konzert mit Gustav Mahlers überbordenden, aber keineswegs überlangen 3. Sinfonie beschäftigt. Vor Beginn des Konzerts hat er in seiner durchaus charmanten, jugendlichen Art das Auditorium damit überrumpelt, er werde nach dem etwa halbstündigen 1. Satz (bei Mahler »1. Abtheilung« genannt) nicht nur die vom Komponisten empfohlene Atempause von etwa 10 Minuten einlegen, sondern eine ganz übliche, also halbstündige. Das hat (nicht nur) mir zunächst buchstäblich die Sprache verschlagen. Zumal er es damit begründete, dass auch die Musiker nach der Anspannung eine Entspannung vor Beginn der »2. Abtheilung« benötigten.
In diesem Zusammenhang habe ich mir den Briefwechsel Mahler/R, Strauß (Serie Piper) hervorgekramt: auf Seite 67 ist das Programm der Uraufführung abgebildet, und darüber hinaus eine schriftliche Diskussion darüber, ob der Tasso von Liszt (20 Min) und die Feuersnot (Auszug) da noch Platz haben… Insgesamt drei Stunden!
Wie haben das seinerzeit die Zuhörer (und vor allen Dingen) das arme Orchester, das ach-so-schwer arbeiten musste, nur durchgestanden? Ich dachte, das sei ihr Job?
Nach dem Satz hat sich Mahler 10 Minuten (an ähnlicher Stelle zur 2. Sinfonie 5 Minuten!) (s.o.) eine Pause erbeten. Sonst nix. Keine Zigaretten-, Laber oder Champagnerpause. Lediglich zur Reflektion, gewissermaßen zum Luftholen.
Aber das ist ja heute kaum mehr gewünscht – wir brauchen Action, weil nach 2 Minuten Pause bei vielen Zuhöreren ja bereits Nervosität, Juckreiz einsetzt… (John Cage hat´s in »4´33´´« vorgemacht, wie problematisch Schweigen bzw. Zeit sein können. Da werden für viele Zuhörer die Minuten zu Stunden. Relativitätstheorie).
Und: wir brauchen heute genießbare Häppchen. Gleichgültig, ob sich nach der Pause wieder ein musikalischer Zusammenhang zwischen dem ersten und den Folgesätzen der Sinfonie wieder herstellen lässt oder nicht. Die innere Stimmung ist ohnehin im Eimer.      
Ich schlage Herrn Orozco-Estrada für die zukünftige Programmplanungen vor:
z.B. Liszts Faust-Sinfonie, dem Goetheschen Original folgend, auf Faust 1 (Faust und Gretchen) am ersten Abend (= 50 Minuten) und Faust 2 (Mephistopheles) am 2. Abend ) = ca 10 Minuten auszudehnen.  
Oder Beethovens 9. endet am ersten Abend mit dem schmetternden Tenorruf: »O Freeeunde, nicht diiiese Töne« (50 Minuten) – um am nächsten Abend mit dem Schlußsatz (15 Minuten) und der ohnehin als Europa-Hymne missbrauchten »Ode an die Freude« zu enden: bei Snacks und »Spritz- und Hugo-Anstoß mit dem Dirigenten. Die Musiker und SängerInnen feiern derweil lustvolle Party im Operncafé.
Das ist nicht meine Welt… ich kann nur hoffen, dass diese Art des Umgangs mit der Klassik nicht noch mehr um sich greift und es eine einmalige Entgleisung im jugendlichen Übereifer gewesen ist.

Bernd Havenstein

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