Liebieghaus Frankfurt: »Zurück zur Klassik«

Liebieghaus Frankfurt: Zurück zur KlassiklWunden, Narben  und Implantate

Das Motto der neuen Ausstellung im Liebieghaus ließe sich auch als selbstironisches Zitat verstehen: »Zurück zur Klassik« – nach all dem Hype um Bubbles und Michael Jackson, die metallische Venus und Popeye. Dabei waren die angestammten Bewohner des Skulpturen-Museums weit mehr als nur Dialogpartner der Pop-Ikonen von Jeff Koons, der sich in seiner Werkserie »Antiquity« sogar explizit auf die alten Vorbilder bezieht.
Hat man die Schau durch den orangefarbenen Vorhang betreten und das verdaut, was FAZ-Kritiker Bartetzko einen »Donnerschlag« nennt, lässt sich problemlos auch ein Koons in die Reihe der Exponate denken. »Zurück zur Klassik« beschreibt eine Zeitreise von über 2.500 Jahren in die Vergangenheit und hebt mit der Moderne an, um Epoche für Epoche das jeweilige Klassikbild abzutragen. Richtig Arbeit, für jeden, der will – und kann.
Für das donnernde Entrée aber sorgen Richard Scheibes Bronze »Der Zehnkämpfer« und ein fotografischer Akt Helmut Newtons auf einem großformatigen Buchcover: das der Klassik verpflichtete Ideal von 1936 und eine maskuline Amazone auf Stöckelschuhen aus der einst von »Emma« als faschistisch inkriminierten Big-Nudes-Serie des Fotografen. Klassizismus, Renaissance, Mittelalter und römische Kaiserzeit lauten die mit jeweils zwei drei Beispielen skizzierten Stationen auf dem Weg zurück in das 4. und 5. Jahrhundert ante Christum, dem ungemein realistischen Kern der hellenischen Blütezeit.
Eine der Schlüsselfiguren, die den »neuen Blick auf das alte Griechenland« (wie der Untertitel heißt) freigeben, ist der sitzende Faustkämpfer vom Quirinal, dessen geschundener massiver Körper von frischen Wunden, Hämatomen und Narben durchzogen ist. Eine andere ist die lebensgroße Statue eines sich kraftvoll aufbäumenden muskulösen Pferdes. Der Kopf der »Statue A von Riace« weist rote Kupferlippen, legierte Zähne, Wimpern und Vorrichtungen an den Augenhöhlen für implantierbare Augäpfel aus. Solche lebensechten Figuren standen damals zu Tausenden in den Städten, bevor sie spätere Zeitalter zu Kanonenkugeln recycelten. Bezeichnend auch das Empedokles-Zitat der Helena, die sich angesichts des Leids, das ihre Schönheit über die Welt brachte, wünschte, so hässlich wie eine Statue ohne Farbe zu sein.

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Bis 26. Mai 2013

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