Liebieghaus feiert die Kunst des Rokoko mit »Gefährlichen Liebschaften«

Entfesselte Leidenschaft

Kein bisschen peinlich, findet es Mareike Bückling, die Leiterin der Abteilung Renaissance im Frankfurter Liebieghaus, Werke des Rokoko zum Gegenstand einer großen Ausstellung zu machen. Und das, obwohl viele Kunstkritiker die Epoche noch immer als seicht, geziert, als dekadent und unmoralisch abtun oder ihre  Werke als Nippes belächeln.
Vorurteile seien das, meint die Expertin. Die Kunst des Rokoko betreibe und folge der sich im Laufe des 18. Jahrhunderts vollziehenden Befreiung der Gefühle aus dem standardisierten höfischen Korsett. An die Stelle des pompösen aristokratischen Rituals und dessen strenger Formen dränge im Rokoko eine fast zärtliche Wendung zum Einfachen, zur Natur und allem, was als natürlich empfunden werde, und schaffe sich in arkadischen Schäferspielen und der Idealisierung des Landlebens Raum. Und obwohl sie ganz wesentlich vom Adel – und gewiss nicht von der Landbevölkerung – getragen werde, wirke die Kunstrichtung auch egalitär und demokratisch. Als Beispiel mögen die zusammengehörigen Statuen von Étienne-Maurice Falconet »Le baiser donné« und »Le baiser rendu« aus dem Jahr 1765 dienen. Sie handeln von einem Edelmann, der von der angehenden bäuerlichen Braut den ihm zustehenden ersten Kuss empfängt, und von dem Bauern, der sich ein Selbiges bei der adligen Jungvermählten ausbedingt – und erhält.
Dass es in der Konsequenz auch um die Entblößung und Entfesselung der Leidenschaften, geht, das hat der literarische Titelgeber der Ausstellung »Gefährliche Liebschaften« Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos in seinem Briefroman in einer kritischen Wendung deutlich gemacht. Auch im Liebieghaus sind der immer wieder demonstrierte Sanftmut und die Unschuld so sanft und unschuldig nicht. Der beiläufige seitliche Griff der oben erwähnten küssenden Adelsbraut an eine der Pfeifen des Dudelsacks spricht Bände. Es wimmelt von Flöten und Stäben, Vogelkäfigen und Äpfeln in den Arbeiten.  
Das gilt auch für den marmornen Star unter den zirka 90 überwiegend geliehenen Exponaten dieser großen Verführung im Frankfurter Skulpturenhaus: der 78 Zentimeter hohe »Drohende Amor« (Amor menaçant) von Falconet. Ein in bezauberndem Kindchenspeck gebetteter »argloser Schlingel«, so die Kuratorin, der uns verschmitzt mit vorgehaltenem Fingerzeig bezirzt. Der aber auf den zweiten Blick zu seiner rechten Hand auch erkennen lässt, wie dick er es hinter den Ohren hat. Die nämlich greift zu einem Köcher und gibt dem Zeigefinger das uns zum Mitwisser degradierende Gebieterische eines über Schicksale waltenden Liebesgotts. Die 1757 gefertigte Statue ist erstmals außerhalb des Rijksmuseum Amsterdam zu sehen. Auch dies eine kleine Sensation.
Salons mit Schränken, Spiegeln und Accessoires der Epoche sorgen für ein stilvolles Entrée auf dem Weg zu dem in einer abgedunkelten Rotunde effektvoll platzierten jungen Gott. Und zwei prächtige Kostüme, die nach historischem Vorbild in der Frankfurter Oper für Giuseppe Verdis »Maskenball« gefertigt wurden. Hinter dem prominenten Türwächter führt eine kleine Treppe in das Reich der Leidenschaften: zu den Gemälden, Skulpturen und Statuetten. Paar um Paar begegnet sich hier gemalt oder modelliert in Offenherzigkeit. Zu den bekannteren Arbeiten von Falconet, der im Zentrum des bildhauerischen Teils der Ausstellung steht, gehören neben der Gruppe »Pygmalion und Galathea«, die Ovids Metamorphose von dem in seine Statue verliebten Bildhauer erzählt, und die Skulptur »Herzensfreundschaft«, ein Porträt von Madame de Pompadour, der eifrigsten Unterstützerin der Künstler.
Bei den Gemälden dominieren die amourösen Motive in den Arbeiten von François Bouchet. Dem Amor aber machen am ehesten seine »Enfants« Konkurrenz, die an die TV-Play-back-Shows erinnern. Sie zeigen, wie »Die kleine Tänzerin«, Kinder in Posen und Garderoben von Erwachsenen. Diese Ausstellung ist nicht nur lehrreich und zauberhaft, sondern auch in hohem Maße amüsant.

Lorenz Gatt (Falconet: Der zurückgegebener Kuss , © The Trustees of British Museum)
Bis 28. März 2013: Di., Mi., Fr.–So. 10–18 Uhr; Mi. 10–21 Uhr
www.liebieghaus.de

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