Lesenswerte Bücher. Eine Auswahl von Martin Lüdke

Die berühmte Nadel, der verfluchte Heuhaufen und die größte Buchmesse der Welt

Neuauflagen eingeschlossen, sind im Jahr 2013 von 2.209 deutschen Verlagen 93.600 Titel herausgebracht worden. Auf der Frankfurter Buchmesse werden in diesem Jahr von über siebentausend Ausstellern über 400.000 Buchtitel präsentiert. Da sind die Ausländer dabei, auch die diesmal als aus dem »Gastland« ins Licht gestellten Finnen. Wie, fragt sich nicht nur der Laie, soll man bei solchen Größenverhältnissen die Übersicht behalten.
Ich sage, als Kritiker oft mit dieser Frage konfrontiert, ganz einfach: Man muss sich entscheiden. Finnen, da kenne ich mich nicht aus. Fachbücher über die Behandlung von Zahnschmelz rauschen unter meiner Wahrnehmungsschwelle durch. Auch Seitensprünge und andere sportliche Hochleistungen im europäischen Hochadel interessieren mich nicht.
Der »beste deutsche Roman«, wie es der Börsenverein vollmundig für den »Deutschen Buchpreis« verspricht, schon. Gibt es wirklich gute Biographien über wichtige Gestalten der Gegenwart? Wenige. Herausragende Neuübersetzungen alter Klassiker? Einige. So kommt man mit ein paar Entscheidungen zu einer kleinen Liste, die immer noch subjektiv geprägt, aber keineswegs willkürlich ist.

 

Lutz Seiler: KrusoLutz Seiler: Kruso (Suhrkamp)

Ein junger Mann, erfolgreich als Student und vermutlich auch begabt als Dichter, kommt, mit ausgelöst durch den Tod seiner Freundin, aus dem Tritt. Er lässt alles stehen und liegen und landet schließlich auf Hiddensee als Saisonkraft in einem Ausflugslokal. Es ist die Endzeit der DDR. Doch von Politik ist nicht die Rede. Die Freaks, die sich dort versammelt haben, Aussteiger, die von keinem System mehr zu greifen sind, Spinner, philosophische Köpfe, Todesmutige, die eine Flucht übers Wasser planen, bilden eine Gesellschaft ganz eigener Art. Im Mittelpunkt der Titelheld Kruso, Chef des Abwaschs. Eine unvergessliche Figur. Eine zauberhafte Sprache. Seiler gilt, neben Thomas Hettche, zu Recht als Favorit für den Deutschen Buchpreis.

 

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman. (Rowohlt Berlin)

Am 26. August 2013 hat sich Wolfgang Herrndorf in Berlin erschossen. Sein Hirntumor hatte ein Stadium erreicht, dass ihm ein weiteres Leben nicht möglich schien. Bis zuletzt schrieb er an seinem Blog »Arbeit und Struktur«, posthum erschienen, und an einer Fortsetzung seines  (erfolgreichsten) Romans »Tschick«, der sage und schreibe zwei Millionen mal verkauft worden ist. Das »Müllmädchen« Isa, auf das die beiden Ausreißer trafen, steht in dem jetzt (nach langem Zweifel doch noch mit seinem Willen) veröffentlichten  »unvollendeten Roman« im Mittelpunkt. Es ist, soviel Pathos muss sein, ein herzergreifendes Buch geworden.

 

Balzac: Verlorene IllusionenHonoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Roman aus der Provinz. (Hanser Verlag)

Der junge Mann aus Angoulême, der in Paris zu einem gefeierten Feuilletonisten aufsteigt und schließlich nach einer Intrige wieder ganz runter fällt, Lucien Chardon (bzw. Lucien de Rubempré), zählt zu den großen Gestalten der Weltliteratur.  Übersetzungen, anders als die Originale, altern merkwürdigerweise. Deshalb war es an der Zeit, dass dieser faszinierend realistische und noch immer aktuelle Roman von Melanie Walz in einer dem Original angemessenen und doch frischen, neuen Sprache (und mit einem informativen Nachwort und hilfreichen Anmerkungen versehen) jetzt wieder vorgelegt wurde.

 

Stefan Müller-Dohm: Jürgen Habermas. Eine Biographie (Suhrkamp)

Nach seiner großen und ebenfalls auch umfangreichen Adorno-Biographie hat der Oldenburger Soziologe Stefan Müller-Dohm jetzt, pünktlich zum 85. Geburtstag seines Heroen die Biographie von Jürgen Habermas vorgelegt. Habermas, Soziologe und Philosoph,  legitimer Erbe der Frankfurter Schule, und doch ein höchst eigensinniger Kopf, weltweit bekannt und einflussreich, gilt zu Recht als der bedeutendste Intellektuelle unserer alten Bundesrepublik. Es dürfte kaum eine Disziplin der Humanwissenschaften geben, von der Linguistik bis zur Psychologie, in die er nicht mit starken Impulsen eingewirkt hat. Und es gibt keine große Debatte, die er nicht entweder initiiert oder doch maßgeblich geprägt hat. Müller-Dohm, desinteressiert an Tratsch und Klatsch, zeichnet die Entwicklung unseres bedeutendsten Philosophen und Intellektuellen etwas trocken und doch mit bewundernswerter Genauigkeit nach.

 

Störung im Betriebsablauf. 77 kurze Geschichten für den öffentlichen Nahverkehr, gesammelt von Klaus Wagenbach (Wagenbach Verlag)

Einige dieser Geschichten reichen tatsächlich nur für die Strecke zwischen Eschenheimer Tor und Hauptwache. Dann ist Schluß. Die U-Bahn hält. Die Geschichte von, beispielsweise,  Herbert Heckmann, »Robinson«, ist am tragischen Ende angelangt. Den Verfasser sollte man kennen, meint der alte Schelm Wagenbach, der übrigens vor genau 50 Jahren, seinen Verlag gegründet und mit seinen »Tintenfischen«, »Freibeutern« und »Jahrbüchern« unendlich viele solcher Geschichten von Günter Eich, Reinhard Lettau, Uwe Johnson, Günter Kunert und Christoph Hein gesammelt und veröffentlicht hat. Das kleine Büchlein, gleichsam eine andere deutsche Literaturgeschichte, passt noch in die Brusttasche eines Polo-Hemdes und macht, auch außerhalb des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, großen Spaß.

 

Martin Walser: Schreiben und Leben. Tagebücher 1979–1981 (Rowohlt)

Ein Buch wie ein Backstein, knappe 700 Seiten stark. Dabei leicht wie ein Traumbuch, das es eben auch ist. Begegnung mit Goethe etwa. Wichtig als Arbeitsbuch. Hier finden sich die Keimzellen späterer Romane. Interessant als Porträtsammlung. Nicht jeder, der hier beschrieben wird, dürfte mit dem Bild, das er dabei abgibt, glücklich werden. Vor allem aber ist das Tagebuch bedeutsam als Dokumentation eines Sensoriums, das in der deutschen Literatur seinesgleichen sucht. Walser registriert mit sensibler Aufmerksamkeit sich und seine Umwelt, seine eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen samt ihren Widersprüchen. Die Selbstfeier steht immer an der Kippe zur Selbstvernichtung. Dass da, wie mancher moniert, auch Frauen vorkommen, geschenkt. Es kommt die ganze Welt vor.

Martin Lüdke

One Response

  1. M. Stiraki
    7. Mai 2015

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