Musikfest Alte Oper

Alte Oper Frankfurt (Foto: Alte Oper Frankfurt)Le sacre du printemps

Eine zeitgenössische Karikatur von Jean Cocteau zeigt den Komponisten Igor Strawinski am Flügel, stürmisch in die Tasten greifend. Den Rockschößen seines Fracks entfallen die Töne als archaische Figuren, die sich am Ende zu einer mächtigen Orchesterskulptur aufbauen.

In einer Zeit der Umbrüche (Bartoks beklemmende Parabel vom Herzog Blaubart und Schönbergs sich der Zwölftonmusik annäherndes »Pierrot lunaire« sind gerade zwei Jahre vorher entstanden) hat sich Strawinski mit den Ballettkompositionen »Petruschka« und »Feuervogel« zunächst noch an klassischen Vorbildern orientiert. Im Dunstkreis solcher Musiker wie Ravel, Debussy, de Falla (und später der Groupe des Six, zu der u.a. Eric Satie und Darius Milhaud zählten) und revolutionärer Künstler wie Matisse, Picasso und des aufkommenden Dadaismus war es eine Frage der Zeit, daß auch ein analytischer Kopf wie er aus konventionellen Bahnen ausbrechen mußte. Die russische Ballett-Truppe um den legendären Serge Diaghilew feierte im Paris jener Tage triumphale Erfolge, der Tänzer Vaslav Nijinski wurde hymnisch verehrt. Nach den ersten, großen Erfolgen konnte ein neuerlicher Kompositionsauftrag für dieses Ensemble nicht ausbleiben.

Während Richard Strauß sich früher in seiner umstrittenen »Salome« und in der »Josephslegende«, Schönberg in der »Jakobsleiter« mit biblischen Stoffen auseinandersetzten, hat Strawinski sich mit seinem Kompositionsauftrag »Le sacre du printemps« für die russische Truppe noch weiter zurückgelehnt – gewissermaßen bis in die »Geburtswehen der Welt« (Cocteau). Und hat sich dabei einer musikalischen Sprache bedient, die bei der Uraufführung des »Frühlingsopfers« im Jahr 1913 naturgemäß missverstanden werden musste – und bis heute nichts von ihrer Radikalität eingebüßt hat.

Die Archaik des Sujets aus heidnischer Vorzeit hat Strawinski gewissermaßen wörtlich genommen: für die Anbetung der Erde, Frühlingsreigen, Aufzug der Weisen und der Jungfrauen, von denen eine das »Frühlingsopfer« sein wird, oder für den Tanz der Erde hat er musikalischen Ausdruck gefunden, der noch heute aufhorchen läßt. Einmal abgesehen von Hunderten von Taktwechseln, die sowohl für das riesig besetzte Orchester samt koordinierendem Dirigenten, als auch für Choreogaphen und Tänzer immer wieder eine große Herausforderung sind – mit »Le sacre du printemps« hatte sich Strawinski aus allen Vorbildern befreit. In dem klug zusammengestellten Programmkompendium der Alten Oper für die neue Saison 2013/14 ist in den Hintergrundinformationen erwähnt, dass gerade diesem Werk des Komponisten keine unmittelbare Tradition vorausgegangen sei. Will heißen: Das »Sacre« ist ein Solitär. Als ein in Marmor gemeißeltes, unmittelbares Kunstwerk in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts angekommen, ersteht bei jeder Aufführung wieder eine erratische, suggestive Komposition, der man sich kaum entziehen kann – wie neu. Wer das Glück hatte, die rekonstruierte Urfassung der Choreographie von Nijinski aus der Pariser Oper sehen zu können, der wird gespürt haben, daß die archaischen, stampfenden und gespenstisch futuristischen Gebärden (fernab aller romantischen Choreographien des bis dahin maßgebenden Petersburger Choreographen Marius Petipa) absolut nichts von ihrer Suggestionskraft verloren haben, ja ihrer Zeit weit voraus und die adäquate Umsetzung der entfesselten Musik Strawinskis sind. Da hatte es die hochgelobte Sasha Waltz mit ihrer unmittelbar anschließenden neuen Interpretation gehörig schwer, etwas dagegen zu setzen. Und das auf den Tag ein Jahrhundert später!

Mir scheint, dass Stephan Pauly nach über 10 Jahren erfolgreicher und kreativer Leitung der Mozartwochen Salzburg nun als neuer Intendant der Alten Oper Frankfurt in seiner zweiten Saison hier angekommen ist. Als Gegenoffensive zu den anstrengenden und oft angestrengten Wagner/Verdi-Jubiläen hat er sich des »Sacre« von Igor Strawinski angenommen: gewissermaßen als unüberhörbarer Paukenschlag – hier bin ich und zeige euch was.

Ein ganzer Tag (am 15.9.) und viele außergewöhnliche Zusatzveranstaltungen drehen sich rund um das Jahrhundertwerk. Als Einstieg wird das Original des »Frühlingsopfers» in der Orchesterversion gleich zweimal zu erleben sein. Einmal im Kontext mit Edward Elgars melancholischem Cellokonzert als Kontrast (Opernhaus- und Museumsorchester unter Sebastian Weigle) und abends mit dem Orchester aus St. Petersburg und seinem Chefdirigenten Yuri Termikanov, der das »Sacre« mit einem anderen Unikat koppelt, der musikalischen Schilderung einer Fahrt mit der amerikanischen Dampflok »Pacific 231«, akustisch nachempfunden vom Schweizer Komponisten Artur Honegger. Eine Komposition, die ohne den Einfluß von Strawinskis neuer Tonsprache nicht denkbar gewesen wäre.

Tagsüber sind während des »Musikfests«, das den bislang »Auftakt« benannten Beginn der Saison ersetzt, Choreographien des »Sacre« im Film zu sehen (Eintritt frei); ein Roundtable beschäftigt sich mit der Radikalität und Modernität. Der Choreograph und Tänzer Xavier LeRoy vom Theater Montpellier wird das Werk aus der Sicht des Dirigenten zeigen, der sich in monatelanger, akribischer Beobachtung der komplexen Partitur aus einer völlig anderen Perspektive nähert – der Dirigent quasi als Choreograph.

Als spannende Ergänzung wird es am 16./17. und 20.9. ein Theaterstück geben, das Intendant Oliver Reese mit dem Schauspiel Frankfurt nach Tagebuchaufzeichnungen des Vaslav Nijinski erarbeitet hat. Daneben versprechen weitere Experimente Aufschlüsse und Hintergründe: der türkische Ausnahmepianist Fazil Say wird eine Fassung zu vier(!) Händen präsentieren (über eine Computereinspielung eines Teils der Partitur wird er live den »Rest« darüberspielen); der Engländer Rex Lawson hat eine Version das »Sacre« auf Papierrollen eingespielt, die an einen modernen Flügel angeschlossen werden und dessen Tasten, einer alten Zirkusorgel ähnlich, automatisch und wie von Geisterhand in Gang setzen. Ein Verfahren übrigens, das bereits Gustav Mahler, Gershwin und Strawinski selbst genutzt haben in einer Zeit, als es noch keine Schallplatten gab. Eine weitere Konzertaufführung ist für den 28.9. geplant, wenn das Ensemble Les Siécles das »Sacre« mit Strawinskis Frühwerk »Scherzo fantastique« und zwei Werken des Zeitgenossen Maurice Ravel konfrontieren, auf »Originalinstrumenten« aus der Zeit der Uraufführung.

Wie nebenbei werden weitere Meisterwerke des Neutöners erklingen, die Sinfonie in drei Sätzen z.B. (Orchestre de Paris mit Paavo Järvi, 3.10.), der berühmte »Feuervogel« (London Symphony mit Daniel Harding am 4.10.) und selbst »Annettes Daschsalon« (erfreulicherweise abgewandert von Berlin nach Frankfurt) beschäftigt sich mit der »Macht der Natur« (6.10.).

Wem’s nach all dem nicht wie »Cocaine« in den musikalischen Adern kocht, dem ist nicht zu helfen.

Die unzähligen Events, Details und Preise können über www.alteoper.de/de/programm/themen_festivals_und_konzerte.php abgerufen und bestellt werden.

Bernd Havenstein

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