Landungsbrücken:
»SXTRSH«-Premiere begeistert

SXTRSH, © Mina R. HassenzahlUnbeschreiblich weiblich

Die Bude ist rappelvoll, die Vorfreude mit Händen zu greifen. Inszenierungen von Sarah Kortmann werden in der freien Szene längst mit Spannung erwartet. In den Landungsbrücken, wo die Frankfurterin den Status einer inoffiziellen Hausregisseurin genießt, stand nun die Performance »SXTRSH« zur Premiere. Die Fortentwicklung eines Formats, das in der Pik Dame vor einem halben Jahr unter »Sex sells« seinen Anfang nahm. Nur größer, heftiger, elaborierter – und mit vielmehr Frauen.

Es ist ein Nummern Revue nach Fernsehart geworden mit exakt 13 Frauen: einem Rat-Pack-Trio im Zentrum, zwei Moderatorinnen, die jede Nummer angongen, acht benetzten Glamour-Girls, die keine sind, zwischen Anfang 20 und 60 plus und gefühlte 50 Perücken, die meisten in rostigem Rot.

Unbeschreiblich weiblich sind aber auch die Themen, um die sich der dreigeteilte Abend rankt: Geburt, Missbrauch, Obst & Gemüse. Schon das erste lässt vom Akt der Zeugung bis zur Ausstoßung der Plazenta wenig aus, was Männern die Kehle zuschnürt und Frauen die Knie weich werden lässt. Wir erleben unter treibenden Bässen von »Push it Real Good« eine Befruchtungschoreografie, die wikipediale Aufbereitung einer Niederkunft in Gebärdensprache und eine knallharte Grundsatzdiskussion, in der Iris Reinhardt Hassenzahl als Hardlinerin (Boahh) des Trios dem ewigen Geschleppe, den endlosen Schmerzen und widerlichen Gesudel beim Gebären des Teils partout nichts abgewinnen kann, Sandra Lühr sich als Mutter selbst verwirklichen will und Marlene Zimmer als Naivchen nur noch staunt, als ihr an einer gestrafften Plastikplane in Braun und Rot mit einer Schere demonstriert wird, worin sich Dammrisse ersten bis vierten Grades unterscheiden. Charlotte Roche hätte das nicht besser beschrieben, Zum Schreien in jeder Hinsicht.

Von diesem beißenden, sarkastischen Charme bleibt in dem sehr ernst werdenden und teils beklemmenden Mittelblock Missbrauch zunächst nicht mehr viel über, der mit einem tiefschwarzen Rape-Game dann aber doch die Kurve kriegt – hin zum Schlussakkord Obst & Gemüse, der von nichts weniger als gesunder Ernährung handelt.

Ein gecoachter Strip von Marlene Zimmer (herrlich!) und als Schlussgong ein endschräger Porno-Karaoke mit Jana Lühr und Iris Reinhardt Hassenzahl sorgen für die Böller dieses Feuerwerks. Sie geben alles, diese Drei, und sie tun das von einem hellwachen, aufgedrehten Ensemble unterstützt einfach großartig.

Es sind fraglos die großen, erwachsenen Schwestern der Bockenheimer Supergrrrls in den Fußstapfen Nina Hagens, die uns da begegnen und in Headbanger-Manier vor den Kopf stoßen. Völlig ungekünstelt, ganz ohne Teen-Spirit-Odeur und weit entfernt von romantischen Mädchenphantasien, in denen Männern noch eine gestaltende positive Rolle zugebilligt würde. Sarah Kortmann hat den Stimmungsbogen dieses im Nu verfliegenden Abends mit ein paar herrlichen Übersteuerungen bestens austariert und ihre Fan-Gemeinde begeistert. Auf dass sie größer werde.

wg
30., 31. Mai; 6., 7. Juni 20 Uhr

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