Kunsthalle Schirn zeigt René Magritte »Der Verrat der Bilder«

Dies ist kein Apfel

Zum zweiten Mal widmet die Kunsthalle Schirn in Frankfurt dem belgischen »rationalen Surrealisten« René Magritte (1898 – 1967) eine Ausstellung. Rund 70 Exponate aus den Jahren 1923 bis 1962 wurden aus der gleichnamigen Werkschau »La Trahison des images« des Pariser Centre Pompidou übernommen und in einen durchaus diffizilen philosophischen Zusammenhang gestellt.
»Dumm wie ein Maler – bête comme un peintre«, dieses im Deutschen nicht eben geläufige Bonmot, von Marcel Duchamp in die Welt gesetzt, war im Paris der 20er Jahre ein in der Surrealistenszene geläufiger Gemeinplatz, der die Hierarchie der Künste – Philosophie, Dichtung, Musik und erst ganz zuletzt die Malerei – untermauerte. Und es folgte, ebenfalls heute schwer nachvollziehbar, die Behauptung der führenden Köpfe der Bewegung, Paul Eluard und André Breton, »La poésie est une pipe« (die Poesie ist ein Pfeife).
Schon wären wir bei Magritte, der mit seinem bekanntesten Werk da-rauf antwortet: »Ceci n’est pas une pipe«, dem ziemlich genauen Abbild eine Pfeife, die man, so erklärt er einmal selbst, ja schließlich nicht rauchen könne. Doch so einfach ist es nicht. Magritte wehrt sich vehement dagegen, die Malerei der Poesie unterzuordnen in einer Debatte, die es schon seit Platon gibt. Und so gewinnt der Titel der Ausstellung in der Schirn, »Der Verrat der Bilder« – so ist das berühmte Pfeifenbild benannt, das hier in der englischen Variante zu sehen ist, einen schillernden Sinn: Denn Magritte zufolge ist die Benennung der Dinge willkürlich, sind Wort und Bild gleichwertige Ausdrucksformen unserer Vorstellung.
Doch auch ohne diesen ganzen philosophischen Hintergrund von Platon bis Foucault, der die fünf Abteilungen der Ausstellung durchzieht, ist es auch dem Laien möglich, sich auf die Rätselbilder einzulassen. Die Liebenden (»Les amants«), die sich nicht sehen können, weil ihre Köpfe wie in Leichentücher gehüllt erscheinen, die Stiefel, die in nackte Füße (»Le modèle rouge«) übergehen, der Glückliche Stifter (»L’heureux donateur«, auch eine Art Selbstportät), der uns die Nacht und den Himmel in der Finsternis erleuchtet, sie alle nehmen den Betrachter ernst und regen ihn zu eigenem Denken an. Zeigen oder verbergen sie uns die Wirklichkeit? Wir können rätseln, ob in »Der Zorn der Götter« (La colère des dieux) der Jockey zu Pferd jemals die mechanischen Pferdestärken des Autos toppen wird.
Und immer wieder taucht die Pfeife auf, die vom Maler Besitz zu ergreifen scheint. In dem  wütend hingerotzten Selbstporträt »Krüppel« wachsen ihm acht Pfeifen aus dem Gesicht, die Antwort des als Spießer geltenden Belgiers auf die Missachtung durch André Breton, der ihn bei der großen Surrealisten-Revival-Ausstellung 1947 in Paris überging. Auch diese »Periode vache« und die ebenfalls kurze „Periode Renoir“, beides satirische Antworten auf den damalig herrschenden modernen Kunstbetrieb, sind in der Ausstellung vertreten. Und gleich zu Beginn kann man sich an den skurrilen Super-8-Filmchen ergötzen, die, kaum war diese Kamera im Handel, im Hause Magritte in den 60er Jahren gedreht wurden!
Die künstlerischen und politischen Stationen des Belgiers – es gibt auch zwei Werbeplakate für einen Streikaufruf der Gewerkschaft Belgiens, Magritte war zeitweise Mitglied der Kommunistischen Partei – sind in den ineinander übergehenden Abteilungen, verschachtelt wie die Gedankenwelt des Künstlers, angeordnet und mit Erklärungen versehen. Wenn es nicht zu voll ist, eine ergötzliche und gleichzeitig lehrreiche Angelegenheit.

Katrin Swoboda (Foto: © VG Wort + Bild)
Bis 5. Juni: Di.–So. 10–18 Uhr; Mi., Do. bis 22 Uhr
www.schirn.de

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