Klassik

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Opus 131

In den späten 70er Jahren hat der unvergessene Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern eine Bearbeitung des späten Streichquartetts op. 131 von Ludwig van Beethoven aufgeführt. Es war die Fassung seines Mentors Dimitri Mitropoulos, der markante Cellopassagen innerhalb des Quartetts durch Kontrabässe verstärkte und damit dem ohnehin ungeheuerlichen, progressiven Werk des späten Beethoven einen sinfonischen Duktus gab. Beethovens kammermusikalisches »opus summum« als gefühlte 10. Sinfonie, die Bernstein (immerhin) für seine größte dirigentische Leistung hielt. Das in jeder Form ausufernde Streichquartett (7 Sätze!) changiert nicht nur zwischen den weit voneinander abgelegenen Tonarten cis-moll und Cis-Dur (4 bis 7 Kreuze –  jeder Instrumentalist bekommt da leichte Gänsehaut). Es bewegt sich auch thematisch im experimentellen Raum zwischen Fuge (erster Satz), Violinkadenz (3. Satz), ausgedehnten, hymnischen Variationen und vergrübelten, ja schwermütigen Episoden. Opus 131 zählt, auch im Zusammenhang mit der »Hammerklaviersonate« und der letzten, ebenso rätselhaften Klaviersonate op. 111 zu den visionären, fast schon abstrakten Konstrukten, die ihrem musikalischen Umfeld um Lichtjahre ihrer Zeit voraus waren. Und sie waren schon immer Ausgangspunkt für Beethoven-Forschungen, Versuche von Analysen – »Aufbrüche in der Musik« eben, wie sie jetzt folgerichtig dem Musikfest der Alten Oper zugrunde liegen sollen. Vom 21.9. bis 3.10. dreht sich bei Orchester- und Kammerkonzerten, Gesprächen und Künstlerbegegnungen, Filmen und Liederabenden alles um Beethovens opus 131 und die Folgen. So wird es spannend sein, das Werk selbst in gleich fünf Interpretationen erfahren zu können: mit dem Hagen-Quartett aus Salzburg (21. 9. im Kontext mit Mozart), mit dem Amaryllis-Quartett (am 25.9. im Kontext mit Haydn und Alban Berg), mit dem Minguet-Quartett (26.9.), als Tanz-Performance im Mousonturm (1. und 2.10.) und mit dem Cornelis-Quartett (3.10.).
Dem gegenüber stehen die unglaublichen »Ardittis« mit Xenakis- und Lachenmann-Quartetten (26.9.). Das Quartett des Klangforum Wien bemüht sich am 22.9. um den »Gran Torso« in völliger Dunkelheit und, als ausgiebiges, minimalistisches Dessert, wird am 28.9. von 14 bis 19 Uhr Morton Feldmans (nie zu hörendes) zweites Streichquartett aufgetischt, ein nahezu endloses Ausloten, Meditieren in und Aushören von Klängen. Kommen und Gehen, je nach Gusto, ist erlaubt, ein gastronomisches Angebot sorgt dafür, daß die Hörer auf dem musikalischen Langstreckentrip nicht verdursten.
Und noch vieles mehr ist geplant: John Cage, Steve Reich, Skriabins »Farbenklavier« in seiner ekstatischen Tondichtung »Prométhée«, der Schlagzeuger Martin Grubinger mischt Xenakis und Piazzola mit Copland und eigenen Kompositionen auf,  Igor Levit erinnert (s.o.) an Beethovens rätselhafte »Hammerklaviersonate«.  
Schon die Durchsicht des Gesamtprogramms ist Grenzüberschreitung!

Bernd Havenstein
Infos und (ermäßigte) Karten: Tickethotline 069/13 40 400 oder www.alteoper.de

(Foto: 1.10.2014, Alte Oper, Opus 131: Igor Levit, © Felix Broede)

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