Kellertheater Frankfurt zeigt »Yellow Line« von Juli Zeh und Charlotte Roos

Kuhschlag im Mittelmeer

Weil es eine Satire ist, klingt es witzig, wenn sich die Dolmetscherin, als ihre Übersetzung bezweifelt wird, auf ihr Zertifikat aus Germersheim beruft. Ist aber gar kein Witz, denn eine der  renommiertesten Ausbildungsstätten der Translationswissenschaften befindet sich dort in der Vorderpfalz. Noch viel unglaubwürdiger als die Dolmetscher-Uni in Germersheim klingt in herkömmlichen Ohren aber, wenn ein Fischer, der von der Frontex vor Lampedusa aus dem Meer gefischt worden ist, bei der Registrierung angibt, dass er gar kein Flüchtling, sondern dass sein Fischerboot von einer abstürzenden Kuh zertrümmert worden sei. Kein Wunder also, wenn der Frontex-Mann da gegenüber der Übersetzerin misstrauisch wird. Verarschen kann er sich selber.
Das Theater ist eine der vielen Fronten, an denen die Schriftstellerin Juli Zeh die Gefährdung der individuellen Freiheit durch Staat und Wirtschaft bekämpft. Zu den Grotesken, mit denen sie dort gesellschaftliche Zustände vor den Zerrspiegel zerrt, zählt auch »Yellow Line«, das sie 2012 mit Charlotte Roos verfasste und nun im Kellertheater zu sehen ist. Szene um Szene – es sind 19 – verknüpft sich in dieser Collage der Fall des bootsbrüchigen Fischers mit zwei völlig anderen Vorgängen in Deutschland. Zum einen ist das der um den Web-Designer Paul, der gereizt auf alles reagiert, das nach Ordnung aussieht und folgerichtig in Konflikt mit den Ordnungsbehörden gerät, als er die Yellow Line am Flughafen ignoriert. Und zum andern ist es der um den Experten für angewandtes Herdenmanagement, der Viehzüchter für ein System zu begeistern sucht, das nicht einmal alle Kühe zu überzeugen vermag. Vor den Abläufen, die sich so ziemlich mit denen in modernen All-inclusive-Clubs decken, nimmt die gute Yvonne jedenfalls Reißaus.
Mit der allmählichen Verzahnung dieser drei Geschichten gelingt es Zeh und Roos, fast en passant Themen wie den arabischen Frühling und die Fluchtbewegungen, aber auch die fortschreitende Entmündigung durch zunehmende Automatisierung oder den Wellnesswahn aufzugreifen. Dabei wird auch das Rätsel gelöst, wie eine Kuh in den Himmel kommt.
Zu den Klängen von »Mad World« (Tears for Fears) hebt die Inszenierung von Bettina Sachs im Kellertheater an. Vor jeder neuen Szene wird das spartanische Mobiliar aus Stühlen, Tisch und Gitter im Technotakt von den Akteuren des neunköpfigen Ensembles verrückt. Den meisten Spaß macht ausgerechnet das Verhör, nicht zuletzt wegen des gekonnten Kunstarabischs, mit dem der verzweifelte Fischer (Pierre Siart) und seine Übersetzerin (Esther Garcia) den so unangenehmen Frontex-Mann (Alexander Jäckels) konfrontieren. Und nicht nur wegen seiner Ähnlichkeit mit Sigmar Gabriel überzeugt Daniel Silberhorns Herden-Manager. Obwohl am Ende offen bleibt, was aus Yvonne geworden ist, bereitet »Yellow Line« doch einen schönen Abend.

Winnie Geipert (Foto: © Anja Kühn)
Termine 21., 22., 28., 29. April
www.kellertheater-frankfurt.de

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