Kellertheater Frankfurt:
Theater Skyline spielt »Türkisch Gold«

© KellertheaterZwischen den Vorurteilsfronten

Nach rund 45 der 70 Minuten, die »Türkisch Gold« dauert, setzt Tina Müller, die Autorin des Stücks, ihren männlichen Helden Jonas brutal unter Druck. Weil der sich in die junge Türkin Aynur verknallt hat und sich zu ihr bekennt, wird er von seinem Kumpel Marius in der Klasse als elender Türkenknutscher gemobbt. Damit nicht genug, nimmt auch Aynurs Zwillingsbruder Kerim, den Schweinefresser, der sich an seine Schwester ranmacht, heftig in die Mangel. Wer immer eines der hier im Sekundentakt fallenden Vorurteile teilt, wird in diesen wenigen Minuten schnell gewahr, wie austauschbar ähnlich sich die scheinbar so extrem konträren Positionen sind. Und wie falsch und lächerlich sie sind.
Aha-Effekte wie diese gibt es in Serie in dem klugen und deutschlandweit häufig gespielten Jugendstück (ab zwölf Jahren), das vom Theater Skyline nun im Kellertheater zu sehen ist (aber auch im Just Wiesbaden auf dem Spielplan steht). Erzählt wird darin die Geschichte eines Jungen, der  im Urlaub mit seinem Vater am Schwarzen Meer zufällig auf eine türkische Mitschülerin trifft und sich – ohne dass es zu mehr als dem Austausch von Blicken und ein paar Worten kommt – rettungslos in sie verliebt. Zurück zuhause erzählt er seiner kroatischen Freundin Luiza davon und merkt dabei gar nicht, wie eifersüchtig diese wird. Die beiden malen sich aus, wie es weitergehen könnte mit dem jungen Glück, und setzen das sofort spielerisch um, indem sie die einzelnen Rollen übernehmen. Sie lassen dabei keine Möglichkeit aus, schon gar nicht die pessimistischen, mit denen die gekränkte Luiza versucht, ihren Märchenprinzen von dieser Schnalle Aynur abzubringen.
Es sind, wie einleitend gezeigt, Bilder voller Klischees und Vorurteile, die dabei entstehen. Mal zeigt Luiza ihm, wie zickig und berechnend sich seine Aynur in Wahrheit benimmt, wie übel und ungebildet ihr Bruder Kemir ist und wie bekloppt sein Vater sich verhält. Mal führt Jonas Luiza vor, wie er Aynur und andere sieht. Es ist ein permanentes Rotieren, bei dem jede der gespielten Figuren durch den Einsatz von wenigen Requisiten die eigene Identität gewinnt.
Regisseurin Sabine Koch lässt ihre flott gestrickte Begegnung des Urlaubheimkehrers mit seiner Freundin nicht von ungefähr im Proberaum stattfinden, in dem Jonas seine Musik spielt. Mario Linder, der die Figur als einen eher soften Typ gibt, der im Girlie-Talk gewiss unter süß rangierte, spielt nicht nur seine Rollen, sondern auch Klavier und Gitarre ziemlich gut. Alles, was wir an Musik hören, live oder eingespielt, hat der 24-jährige Schweizer, der bald auch im Titania (»Unschuld«) zu sehen ist, selbst komponiert.
Susanne Lammertz gibt seine beste Freundin als ein nachgerade offenes Buch. Nicht nur ihre Luiza, auch das Publikum staunt, wie blind ihr Angebeteter sie wahrnimmt. Bis zum Schluss mit Kuss und einer witzigen Pointe. Ihr virtuoses Spiel hat Lammertz schon vielfach mit ihrer Kompanie unter Beweis gestellt, hier tragen ihre Auftritte ganz wesentlich dazu bei, dass wir uns einbilden, eine Menge Leute an den verschiedensten Orten zu erleben Theater kann das, wenn es die Schauspieler dazu hat.

gt
Termine: 22., 23., 24. September, 10 Uhr
www.kellertheater-frankfurt.de

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