Katie Kitamuras Roman »Trennung«

Der Blick der Witwe, schwer getrübt

Die Trennung, die der Titel verspricht, findet nicht statt. Zumindest nicht in der gewünschten Form. Warum, das erzählt Katie Kitamura in ihrem dritten Roman, dem ersten, der jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Die Autorin, sichtbar asiatischer Herkunft, 1979 in Kalifornien geboren, in Princeton ausgebildet, in London promoviert, mit Artikeln in der Londoner »Times« und dem »Guardian« bekannt geworden, ist aber nicht nur eine kluge Frau, sondern auch eine gute Erzählerin.

Sie wollte den Typ in den Wind schießen. Da war es aber schon zu spät. Ihre Schwiegermutter, Isabella, hatte angerufen. »Sie wollte wissen, wo Christopher war, was mich in die unangenehme Situation brachte, ihr sagen zu müssen, dass ich es nicht wusste.« Unsere Erzählerin, Isabellas Schwiegertochter, Christophers Frau, weiß wirklich nicht, wo ihr Mann steckt. Die beiden leben schon seit sechs Monaten getrennt, und sie hat das letzte Mal vor vier Wochen von ihm gehört. Christopher, um die 50, Schriftsteller und wahrlich kein Kind von Traurigkeit, will ein Buch über Trauerrituale schreiben, weshalb er nach Griechenland gefahren ist. Der Grund ihrer Trennung sind die Affären, die sich Christopher ständig gestattet hat. Nach fünf Jahren will sie das nicht länger mitmachen. Sie fühlt sich betrogen und verraten und empört sich darüber, dass sie »der andere im Dunkeln« tappen lässt. Noch weiß niemand von der Trennung, sie sind sich noch nicht einig, »wie wir die Geschichte unserer Trennung präsentieren wollen.« Angetrieben von der Sorge der Schwiegermutter und entschlossen, ihn jetzt um die Scheidung zu bitten, reist sie ihm hinterher in das Hotel im Süden Griechenlands. Dort ist er allerdings seit Tagen nicht mehr gesehen worden. Christopher hat sich offensichtlich auch hier weniger um die griechischen Trauerrituale als um die einheimischen Frauen gekümmert. Maria, 20 Jahre alt, Hotelangestellte, dürfte wohl eine Affäre mit ihm gehabt haben. Die Ich-Erzählerin spürt vom ersten Moment deren Eifersucht und Wut, aber auch etwas Angst um den verschwundenen Hotelgast. Kurze Zeit später wird Christopher in der Nähe der Küste tot aufgefunden. »Er war überfallen und ausgeraubt worden, ein dummer, anonymer Tod, der ihn an jedem beliebigen Ort hätte ereilen können.« Die Eltern reisen sofort an den Todesort ihres Sohnes. Isabella, die Mutter,  ist ebenso traurig wie wütend auf ihren Sohn, »der es gewagt hatte, einfach so zu sterben, der sie in die unnatürliche Lage gebracht hatte, ihr einziges Kind zu überleben, der Albtraum jeder Mutter.« Für sie ist die Sache deshalb klar: »Es ging um eine Frau, Christopher konnte seinen Schwanz nie in der Hose behalten.« Anders entwickelt sich die Geschichte für die Erzählerin, die nun plötzlich zur Witwe geworden ist. Für sie bedeutet der Tod eher eine überraschende Wendung. Sie hatte sich ja innerlich längst von ihm verabschiedet. Auf ihr Drängen hin hatten sie sich getrennt. Sie war zu Ivan, einem alten Freund gezogen. In Griechenland wollte sie nun die endgültige Scheidung betreiben. Doch stattdessen war sie Witwe geworden, und zwar eine wirklich trauernde Witwe, die unter dem Verlust mit unvermuteter Heftigkeit leidet. Zurück in Deutschland wird diese Trauer nun auch zu einem Problem für ihren Freund Yvan, der mit dieser Situation nicht zurecht kommt.
Katie Kitamura lässt vieles in der Schwebe. Sie deutet an. Sie zeigt Möglichkeiten auf, bietet Alternativen an, stellt Fragen. Welche Rolle etwa spielt Stefano, der Freund der Hotelangestellten Anna. Er hätte doch einen guten Grund gehabt, Christopher aus dem Weg zu schaffen? Der Leser kann seine eigenen Schlüsse ziehen.
Die Witwe geht in ihrer Rolle auf. Auch nach zwei Jahren hat sie noch nicht wieder Tritt gefasst. Sie wollte ja Schluss machen. Nur konnte sie den Schlussstrich nicht ziehen. Und deshalb war ihr auch der Neuanfang mit Ivan nicht möglich. Der Mann zeigt zwar Verständnis, aber weiß nicht, »wie lange er noch warten kann« oder will. Das Ende bleibt offen.

Sigrid Lüdke-Haertel
Katie Kitamura: Trennung.
Roman. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Carl Hanser Verlag, München 2017, 255 S., 22 €

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