Jüdisches Museum: Die neue Chefin Mirjam Wenzel hat viel vor

Das dritte Standbein Internet

Märtyrer im Jüdischen Museum: Das hört sich nur im allerersten Moment verstörend an, weil der Begriff des Märtyrers derzeit weit oben in den Proklamationen des religiös motivierten Terrors steht. Eine Irritation, die durchaus mitgedacht ist im Konzept der neuen Direktorin Mirjam Wenzel für die Wiedereröffnung des Hauses nach der Renovierung des Rothschild-Palais. Die geplante erste Wechselausstellung werde die Geschichte jüdischen Märtyrertums von der Antike und dem Mythos Masada über die Pogrome im Mittelalter bis zum Holocaust beleuchten. Sie sei zugleich ein interkulturelles Gesprächsangebot auf religionsphilosophischem Boden an Muslime und an Einwanderer aus dem arabischen Raum, über Gemeinsames und Trennendes der drei miteinander verwurzelten monotheistischen Religionen nachzudenken, betont Wenzel. Auf interkulturellen Austausch angelegt sind bereits die Programme »Und wie ist das im Islam?« sowie »3 Tage – 3 Orte – 3 Religionen«.
Ein streitbares Thema mit Aktualitätsgehalt wird nicht nur mit Blick auf Frankreich auch die  parallel geplante Antisemitismus-Ausstellung sein, die in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Warschau der Migration der Juden nach dem Zweiten Weltkrieg gewidmet sein wird und Polen 1945 bis 1990 fokussieren soll. Bis dahin wird es  noch lange dauern. Das Palais wird samt Neuanbau erst 2018 wieder genutzt werden können. Weitaus früher, am 20. März dieses Jahres, wird das Museum Judengasse im Unterbau der Stadtwerke wieder geöffnet. Der um einige freigelegte Ruinen des einstigen Judenghettos errichtete Ort wird weiter das jüdische Leben der Stadt vom frühen Mittelalter an bis um das Jahr 1800 beleuchten. Das künftig nur über die Battonstraße und seine Rückseite vis-à-vis dem alten jüdischen Friedhof erreichbare Museum wird Besucher mit einer Dokumentation seiner eigenen Entstehung empfangen, die auf Bürgerproteste gegen die Bauarbeiten für die Stadtwerke zurückgeht. Seit 1992 ist es das zweite Standbein des Jüdischen Museums.
Ein drittes will der künftige Online-Auftritt des Hauses sein, der ähnlich dem, was das Städel preisgekrönt vorexerziert, wesentlich als Anreiz für Besuche und deren Vorbereitung sowie als Dialog-Plattform dienen soll. Eine App ist in Planung, die etwa Rundgänge auf dem jüdischen Friedhof unterstützt oder virtuelle Besuche zu der nur schwer zugänglichen neuen Gedenkstätte an der EZB ermöglicht. An dem die Sammelstelle für KZ-Deportationen an der früheren Großmarkthalle erinnernden Mahnmal jährt sich am 14. Februar der letzte Vernichtungstransport Frankfurter Juden kurz vor Kriegsende 1945 nach Theresienstadt zum 71. Mal.
Im Sommer begegnet das Jüdische Museum zudem seiner derzeit nomadischen Existenz mit einem Pop-Up-Museum in der Innenstadt, in dem es neben Informationen in eigener Sache auch Veranstaltungen geben soll. Und Essen, angelehnt an die Erfahrung des Auszugs aus Ägypten, als man noch nicht von Pop-up, sondern von Sukka (Laubhütte) sprach. Spektakulär begleitet auch der FAZ-Zeichner Strizz (Volker Reiche) das museale Exil. Alle 14 Tage hält er auf dem Bauzaun des Palais in Groß-Comics von »Manu & Saul« den Fortgang der Dinge im Kontext des Stadtgeschehens fest. Das Ganze erscheint später als Buch.

Lorenz Gatt (Dr. Mirjam Wenzel, © Andreas Arnold)
www.juedischesmuseum-frankfurt.de

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