»Jil Sander. Präsens« im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt

Purismus auf schmalem Grat

Der Ausstellungstitel der Schau klingt wie der Name eines Parfums der Modeschöpferin Jil Sander: Schlicht, zurückhaltend, fast karg. Und so ist ihr Image, so ist ihre Mode, so ist sie zu einer deutschen Ikone geworden: als Modedesignerin, bei der weniger immer mehr ist.
Das kann man nun auf etwa 3.000 Quadratmetern opulenter Ausstellungsfläche erleben. Das gesamte Museum Angewandte Kunst in Frankfurt, drei Stockwerke, wurde leer geräumt. Für Jil Sander. Die Wände sind weiß. Die Kleidungsstücke, welche Puppen zieren, die auf Podesten in Gruppen zusammenstehen, sind zumeist schwarz. Einige Spiegel erweitern die Ausstellungsräume visuell. Lautsprecher in allen Räumen beschallen dezent mit künstlerisch anmutenden Soundcollagen: Der Purismus dieser Schau wirkt bedeutsam.
Selten hat eine Ausstellung so gut in den 1985 vollendeten, weißen Richard Meier-Bau gepasst, wie diese. Sander selbst ist ein erklärter Fan dieser Architektur – und tatsächlich ist diese Ausstellung eine der schönsten, die in diesem Museum jemals gezeigt worden sind. Was sehen wir? Mode, Gartenentwürfe, Ideen zu Architektur und Innenarchitektur, Produkt- und Möbeldesign, dazu Fotografien von etwa Peter Lindbergh, Moodboards, Zeichnungen und Videos – allesamt Arbeiten, die einen unverwechselbaren Stil erkennen lassen, für den die 1943 in Wesselburen in Schleswig-Holstein geborene Jil Sander bis heute steht.
Klar, präzise, zeitlos und elegant sind all diese Entwürfe. Die Ausstellung heißt nicht umsonst so, wie sie heißt: »Präsens«. Das soll sagen: Jil Sander ist immer aktuell, immer gegenwärtig. Alles Laute und Spektakuläre ist nicht die Sache der öffentlichkeitsscheuen Designerin, die 1968 ihr erstes Geschäft in Hamburg eröffnet und sich 2013 aus ihrem Unternehmen zurückgezogen hat, das inzwischen einer japanische Holding gehört.
»Man muss der Versuchung widerstehen, jede Leere zu füllen« – diesen Satz Jil Sanders finden wir auf einer Wand des Museums – eine Art Essenz ihres Werkes, dem stets etwas Asketisches, ja Religiöses anhaftet. So gestaltete sie auch ihre Flagship-Stores – im Grunde genommen erinnern viele der Räume im MAK an ebenjene luftigen, perfekt inszenierten Jil-Sander-Geschäfte in den Bestlagen ausgesuchter Metropolen.
Es ist zu Recht kritisiert worden, dass eine solche Schau sich auf einem sehr schmalen Grat bewegt. Museale Inszenierung oder Werbung für Produkte – das lässt sich hier nicht leicht trennen. Die Ausstellung – zu der ein sehr schöner Katalog im Prestel-Verlag erschienen ist – versucht zu erklären, warum Sander mehr als eine von japanisch anmutender Schlichtheit inspirierte Modedesignerin ist, doch gelingt es ihr nicht ganz, weil die Ausstellungsmacher sich vollkommen in ihr spektakulär schlichtes Sujet verliebt haben.
Womöglich hätte es der Ausstellung gutgetan, das Werk Sanders nicht in der Totalen zu beleuchten, sondern stärker als Teil einer künstlerischen Idee des Minimalismus – in Abhängigkeit zu all den Dingen, die für die Designerin wichtig waren. In Frage stellen kann man, dass Jil Sander selbst als Mitkuratorin stark in die Konzeption der Schau involviert wurde. Auf Datierungen oder gar Titel der Exponate verzichtet die Ausstellung – leider – zumeist.
»Was Jil Sander als Designerin ausmacht, ist die ›Mission Moderne‹«, meint Museumsleiter und Kurator Matthias Wagner K emphatisch, doch was bedeutet das im 21. Jahrhundert? Sander selbst sieht den Denkraum, in dem sie lebt und gestaltet, beeinflusst von Künstlerinnen und Künstlern wie Agnes Martin, Jannis Kounellis oder Richard Serra. Hinzufügen möchte man hier noch das Bauhaus, die ganze Tradition minimalistischen Gestaltens: »Immer war es die Rückwendung aufs Wesentliche, das mir sinnvoll schien«, resümiert sie selbst.
Betrachtet man ihre letzte, wild-ornamentale, farbenprächtige Kollektion aus dem Jahr 2014, für die sie als Vorlagen Motive des italienischen Arte Povera-Künstlers Alighiero Boetti verwendet hat, dann erkennen wir hier eine ganz andere Jil Sander. Auch diese Stickmuster, die noch aus den siebziger Jahren stammen, wirken als Mode noch heute erstaunlich modern.
Also doch, eine »Mission Moderne«? Modern ist eine Gestaltung, die dem Individuum Raum lässt, die ihren Trägerinnen und Trägern Freiräume eröffnet. Doch wenn Matthias Wagner K sagt, der Purismus von Jil Sander hätte die Vorstellung von Schönheit verändert, dann übertreibt er zweifellos. Dazu bedarf es nur einen Blick auf die Straßen oder auf die aktuellen Modeschauen – bei denen Sanders Purismus kaum mehr etwas gilt.

Marc Peschke
(Foto: Ausstellungsansichten »Jil Sander. Präsens«, 2017 im Museum Angewandte Kunst © Paul Warchol)
Jil Sander. Präsens
Museum für Angewandte Kunst
Bis 6. Mai 2018: Di.–So. 10–18Uhr, Mi. bis 20 Uhr
www.museumangewandtekunst.de

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