Jetzt haben wir den Salat (86)

Eigentlich geböte es ja die politische Aktualität, sich auch an dieser Stelle mit den letzten Wahlen zu befassen. Denn nun scheint ja unsere Republik am Abgrund zu stehen. Hört und sieht man sich die diversen Extra-Sendungen, die öffentlich-rechtlichen Geschwätzshows, die bedenklich dreinblickenden Teilnehmer und -innen der Journalistenrunden an, dann ist dieses Land von den Volksverführern der AFD übernommen worden, während zugleich die etablierten Parteien in der Bedeutungslosigkeit versunken zu sein scheinen. Was, ja was haben wir alle nur falsch gemacht, dass ein zweistellig zählbarer Prozentsatz von irregeleiteten Wählerinnen und Wählern den Rattenfängern von Dresden und andernorts ins absehbare Verderben folgten? Aber bevor ich mich in die schier endlose Reihe der Politdramatiker und Versteher des einfachen Volkes einreihe, werde ich die geneigte Leserschaft dann doch lieber mit den Abgründen unseres Alltags erfreuen.
Da ist zum Beispiel der Boom der Wearables. Der »Was?«, hab ich mich beim ersten Kontakt mit diesem Wort gefragt. Und nun weiß ich, dass es sich hierbei um so was wie ein Mini-Notebook mit Armband handelt. Als intelligente Armbanduhr (Smartwatch) getarnt, ergreift die geballte Macht der Computer- und Datenausbeutungsindustrie Besitz von uns. Sensoren messen Puls und Blutdruck, zählen unsere getätigten Schritte, um uns dann darauf hinzuweisen, dass wir gefälligst noch eine Joggingrunde drehen müssen. Ansonsten geht eine Meldung an die zuständige Krankenkasse, die einem ja schließlich bei der Anschaffung dieses Wundergerätes finanziell unter die Arme gegriffen hat. Und bei wiederholten Meldungen dieser Art wird einem womöglich der Bonus gestrichen. Im Endeffekt kann so eine individualisierte, dem aktuellen Fitnesszustand angepasste Beitragsgestaltung erfolgen.

Wenn das dann noch mit dem anderen Wearable, den Smartglasses, der intelligenten Brille also, verknüpft ist, wird der Jubel der Konsumindustrie unendlich. Der Blick ins Schaufenster zeigt genau, wann der Pulsschlag sich erhöht. Und diese Daten können dank der von den Handelsunternehmen in der Innenstadt gesponserten WLAN-Verbindungen umgehend in die Google-Computer zur weiteren Vermarktung übermittelt werden. Aber eigentlich sind diese klobigen Wearables ja auch schon Oldschool. Der Trend geht eindeutig zum Implantat. Also nicht diesem Silikonzeugs für die Oberweite, sondern das andere aus dem gleichnamigen Valley. Der kleine Chip in der Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger kann zwar nicht die Uhrzeit anzeigen. Aber dafür war die Smartwatch ja ebenso wenig gedacht wie das Smartphone zum Telefonieren. Aber er kann neben den diversen Daten der Körperfunktionen auch das Bezahlen an der Kasse übernehmen (statt umständlicher Geld- oder Kreditkarten), kann Türen öffnen und Autos starten. Vergessener Geldbeutel oder Haustürschlüssel sind damit Vergangenheit. Außerdem kann der Chip der Welt Auskunft über unseren aktuellen Aufenthaltsort geben, so dass wir nie wieder verloren gehen. Wie lange haben wir darauf gewartet, die wir uns doch ständig verlieren. Und was sonst noch alles möglich wäre: Ein- und Ausstieg in der U-Bahn wird direkt vom Konto abgebucht, ebenso wäre das natürlich auch für die Tabledance-Bar denkbar. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, ganz neue Möglichkeiten für die nächste Start-up-Generation. Und dass Google bereits an der intelligenten Kontaktlinse als Ablösung der Computerbrille arbeitet, hat sich ja auch schon herumgesprochen.

Bei diesen Aussichten wird mir angst und bange. Eigentlich mehr, als beim Blick auf die letzten Wahlergebnisse.

Jochen Vielhauer

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