Jazz für die Augen

Wer hört heute Musikern noch mit den Augen zu? Mit dem Gefühl, dass die ganzen Vereinigten Staaten von Amerika am Swingen sind, flog Joachim-Ernst Berendt, damals nach Deutschland zurück. »Swing, Swing. A German Visitor Finds Jazz All Over U.S.« hieß das kleine Feuilleton in der »New York Times«, mit dem er verabschiedet wurde. Vier Monate war er Anfang 1960 mit dem Fotografen William Claxton kreuz und quer durch die USA gefahren. Ihr Buch »Jazzlife«1961 bei Burda Druck und Verlag, Offenburg, das erste Mal erschienen, ist heute noch so taufrisch wie damals. 2005 war es erweitert, ergänzt und luxuriös ausgestattet in einer 150-Euro-Ausgabe erschienen. Jetzt ist es in einer Volksausgabe erhältlich, und wieder kann man sich nur wundern, was es im Verlag Benedikt Taschen für 29,99 Euro an Buch-Gegenwert gibt.
Berendt – damals, wie auch danach noch viele Jahre Musikredakteur beim SWF in Baden-Baden –, hatte Fotos von Claxton gesehen gehabt, hatte ihn ausfindig gemacht, sich mit ihm in New York am Flughafen verabredet und war dann mit ihm im Auto losgefahren. Nein, Claxton war es, der meistens fuhr, denn Berendt war farbenblind, wie sich herausstellte, und hatte zwar von vielen Dingen – vor allem von Jazz – jede Menge Ahnung, vom Autofahren aber keine. Egal. Sie fuhren »einmal rings um die östliche Hälfte und zweimal quer durch die westliche, insgesamt 24.000 Kilometer«, wie Berendt in seinem Vorwort von 1961 ausbreitet.
Ein New Yorker Kritiker habe es eine »Jazzexpedition – ein Abenteuer in Jazz« genannt. »Das Material, das wir gesammelt haben«, schreibt Berendt, »könnte fünf Bücher dieser Größe füllen. Tausende von Musikern wurden fotografiert, Hunderte interviewt, Stöße von Magnetofonbändern aufgenommen. Dem Autor ist es schmerzlich, dass von der Fülle des in Interviews und Gesprächen gesammelten Materials hier nur ein kleiner Teil vorgelegt werden kann. Dieses Buch soll in erster Linie eine Dokumentation der Lebendigkeit der Jazzmusik in den Fotografien von William Claxton sein.« Es ist ein Jazzbildband par excellene, aber auch die jedem Kapitel zugehörenden Texte von Joachim-Ernst Berendt sind richtige Perlen. Ein Index lässt nach einzelnen Personen oder Bands suchen.
Das Buch führt nach Kalifornien und ins Herz von Dixie, zu den Sea Islands und in die Gospelkirchen, zu Big Bands und Begräbniskapellen, nach New Orleans, ins Louisiana State Penitentiary in Angola (das in so vielen Romanen von James Lee Burke vorkommt), nach Memphis, St. Louis, Kansas City, Chicago, Hollywood und Los Angeles, San Francisco, Monterey und Las Vegas, Detroit Philadelphia und Washington D.C., in New York dann zu Tradition, Mainstream und Avantgarde, ins Village und nach Harlem. Der Band enthält Fotos von Charlie Parker, Count Basie, Duke Ellington, Muddy Waters, Gabor Szabo, Dave Brubeck, Stan Getz, Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Miles Davis, Charlie Mingus, Thelonious Monk, John Coltrane und vielen anderen. Jeder kann sich hier seine Lieblingsfotos zusammenstellen.
Was sich auf den 600 großformatigen Seiten dieses Buches immer wieder mitteilt, ja geradezu ein großes gemeinsames Konzert gibt, das ist die mit Jazz verbundene Lebensfreude, überschäumende Kraft und Vitalität. »Die meisten Jazzfotobücher sind viel zu traurig«, hat William Claxton einmal gesagt. Er, dem wir die Ikone Steve McQueen zu verdanken haben, ist DER Fotograf, der den Jazz von den Stereotypen befreit hat. Seine Fotografie war (und ist) stilprägend. Was wir von Jazz wissen und denken und fühlen, das hat viel mit seinen Fotografien zu tun. Er hat mit den Augen zugehört.

Alf Mayer
William Claxton. Jazzlife.
Neuausgabe der erweiterten Fassung von 2005 (Originalausgabe von 1961). Mit einem Vorwort und mit Texten von Joachim-Ernst Berendt. Verlag Benedikt Taschen, Köln 2016. 600 Seiten, 29,99 Euro.

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