Jane Gardams »Eine treue Frau« ist eine bemerkenswerte Entdeckung

Eine Entdeckung aus England

Jane Gardam, jetzt 86, schreibt seit über 40 Jahren. Mit Mitte 70 begann sie eine Trilogie über den Staranwalt Edward Feathers und dessen komplizierte Ehe mit einer Elizabeth Macintosh. Das Salz in der Suppe kam von dem verhassten Rivalen, dem Anwalt Terry Veneering. Wir haben lange gebraucht, um diese in England nicht nur populäre, sondern auch anerkannte Autorin zu entdecken. Letztes Jahr erschien in Deutschland »Ein untadeliger Mann«, eben der zweite Roman, »Eine treue Frau«, im Herbst soll der dritte Band »Last Friends« auf Deutsch erscheinen. Die Romane sind jeweils in sich abgeschlossen und unabhängig voneinander zu lesen. In jedem der Bücher steht eine andere Person im Zentrum. Gardam, als »die Entdeckung des Frühjahrs« gefeiert, hat sich bereits bis auf die Spiegel-Bestseller-Liste vorgekämpft.
Das Buch beginnt durchaus ungewöhnlich. Elizabeth »Betty« Macintosh bekommt in Hongkong einen Heiratsantrag per Brief, bevor der Mann, Edward Feathers,  persönlich dort eintrifft. Betty, als Tochter englischer Eltern in China aufgewachsen, erhielt ihre Ausbildung in England. Edward, der erfolgreiche Anwalt, wurde in Malaysia geboren, wuchs als Halbwaise bei Pflegeeltern auf und wurde ebenfalls sehr früh nach England geschickt. So treffen zwei, vom Schicksal Geschlagene aufeinander. Edwards einzige Bedingung an diese Ehe ist: »Elizabeth, du darfst mich nicht verlassen … Ich bin mein ganzes Leben lang verlassen worden.« Betty lässt sich darauf ein, doch von Anfang an ist ihr klar, »Es wird nicht romantisch werden …  Es wird auch nicht leidenschaftlich werden.«  Als sie das denkt, weiß sie noch nicht, dass sie nur Stunden später auf einer Anwaltsparty »der Liebe ihres Lebens«, dem beruflichen Rivalen ihres künftigen Ehemannes begegnen wird. In den nächsten beiden Tagen und Nächten ist Betty verschwunden, aber auch Edward ist nicht erreichbar, er hat ja, wie Betty meint, Tag und Nacht komplizierte Verhandlungen zu führen. Danach heiraten die beiden. Sie werden später nie über diese zwei Tage reden. Auch dem Leser erschließt sich vieles erst ganz am Ende des Buches. Der Roman ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern erhält seine Dynamik durch ständig wechselnde Zeiten, Vor- und Rückblenden. Viele Handlungsstränge, die scheinbar abrupt enden, werden erst viel später wieder aufgenommen und dann erst verständlich. Nach der Hochzeitsreise arbeitet Edward wieder in der Londoner Anwaltskanzlei. Er verdient viel Geld. Sie gibt es aus. Für ihn ist das eine Genugtuung: »Ich mache dich glücklich.« Glücklich ist die Zeit, die sie mal in Hongkong, mal in London leben, keineswegs. Sie hat eine Fehlgeburt und von den zehn Kindern, die sie sich wünschte, wird sie nicht eines bekommen. Nach zwanzig Jahren kehren Betty und Edward endgültig nach England zurück. Ihr Leben wird eintönig, sie »verausgabt« sich im Garten, er liest Zeitung. Doch dann kommt noch einmal Spannung ins Spiel. Betty begegnet zufällig ihrem alten Geliebten Terry. Er drängt sie: »Wir haben unser Leben vermasselt. Elizabeth, geh mit mir weg.« Tatsächlich trifft sie eine Entscheidung. Sie will Edward verlassen. Nur, ganz ernsthaft, die Tulpenzwiebeln stehen da noch im Weg. »Wenn ich sie hier zurücklasse, vertrocknen sie und vergehen.« Auf den Knien grabend, denkt sie aber: »Es ist zu spät. Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen. Aber dann tat sie es.«
Anders allerdings, als wir erwarten. Ein Buch mit vielen dramatischen Höhenpunkten, teilweise todtraurig, dann witzig und immer mit leichter Ironie durchtränkt. Ein Roman, nicht nur über eine jahrzehntelange schwierige Ehe, sondern auch über das untergehende englische Kolonialsystem. Gardam zeigt Menschen, die, wie Betty,  in China aufwuchsen, aber in England auf die Internate geschickt wurden, Kinder noch, die oft an der viel zu frühen Trennung von den Eltern litten, oft ihr Leben lang. Jane Gardam beschreibt Menschen, die uns nahe kommen. Und sie beschreibt ein Stück der englischen Geschichte in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Sigrid Lüdke-Haertel
 
Jane Gardam: Eine treue Frau
Roman aus dem Englischen von Isabel Bogdan.
Berlin: Hanser, 2016, 271 S., 21,90 Euro.

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