Jakobshallen Bad Homburg zeigen Figuren von Laura Ford

Heulsusen, gepuderte Pudel und Jammerkatzen

Man muss ganz, ganz nahe heran, um unter die weite Tweed-Haube zu blicken, die die walisische Künstlerin Laura Ford ihrer Skulptur »Sorrow Filled Cat I« übergestülpt hat, und fährt dann schaudernd zurück. Zwei dicke Tränen kullern aus den feuchtglänzenden Augen eines unglücklichen Katzengesichts, das frappierend echt anmutet. Es ist bei weitem nicht die einzige böse Überraschung, mit der die Ausstellung »Laura Ford – Double Agent« in den historischen Bad Homburger Jakobshallen der Galerie Scheffel aufwartet.
Und es ist nicht die erste, sondern schon die dritte Werkschau, die der Blickachsen-Erfinder Christian Scheffel der in London lebenden Bildhauerin widmet. Eine vierte gab es vor Ort bereits 2009 im vis-à-vis liegenden Sinclair-Museum. Die 56 Jahre alte Britin verwendet für ihre Figuren-Collagen neben Stahl, Bronze und Keramik auch das harzige Jesmonite und jede Menge Textilien. In »Double Agent« sind ausschließlich aktuelle Werke aus den vergangenen drei Jahren zu sehen. Unter den 27 Skulpturen der Künstlerin finden sich erstaunlich viele Mädchengestalten, doch nicht eine, die in irgendeiner Weise als fröhlich bezeichnet werden könnte. Was aus der Distanz wie eine kindlich herausgeputzt anmutet, entpuppt sich von nahe im buchstäblichen Sinn oft als kratzbürstiges Wesen mit tierischem Hintergrund und bösem Blick oder auch blutenden Wunden.
Überaus verdächtig sind zwei in langen Samtmänteln mit Fellbesatz auftretenden »Medieval Cloud Girls«, die schottisch gemusterte hohe Fellmützen, aus denen es feuerrote Lappen regnet, über ihren gesenkten Häupter tragen – als stünden sie unter Anklage. Nicht nur, dass die beiden mit glänzenden schwarzen Lackschuhen in einer gallertartigen roten Flüssigkeit stehen: Wie tätowiert prangt auf ihren kalkweißen Händchen in schwarzen Lettern »Love« und »Hate«, wobei die eine wurfbereit einen Stein umklammert.
Der himmlische Gegenentwurf zu diesen Terrorschwestern spricht den männlichen Tröster an. Im angrenzenden Garten verbergen zwei augenscheinlich todtraurige Mädchen in knielangen weißen Kleidchen unter hochgezogenen Armen und fallendem langen Haar ihre Gesichter – an ein (echtes) Bäumchen die eine, eine (echte) Hecke die andere gelehnt. »Silent Howler I« und »Silent Howler III« hat sie ihre Schöpferin getauft – Heulsusen! Nicht minder sorgenvoll lehnt im Inneren des Gebäudes eine Mädchengestalt mit langem Giraffenhals und -kopf an der Wand: »Giraffe-Girl (Keepers oft he Wall)«. Weniger rätselhaft, doch traurig genug ist auch der lebensgroße Panda, der allein auf einem Stapel von Baumstämmen sitzt und gewiss eine Sinnkrise durchmacht.
Neben Sorgenmädchen, traurigen Tieren und einer Reihe Zeichnungen stellt Laura Ford drei tolle Figurengruppen vor: »Three Bears« tapsen wie ein Spielmannszug im Gänsemarsch, der Kleinste am Schluss mit Blechtrömmelchen, der Mittlere mit einem Beckenblechpaar und der Frontmann mit einer Knarre. Die gesichtslosen »Dancing Clog Girls« haben mit Tanzbändern Aufstellung zum Menuett genommen. Und drei ein Gemälde aus dem Jahr 1780 von Joshua Reynolds zitierende »Waldgrave Poodles« tuscheln unter hohen Rokokoperücken mit rosa gepuderten Wangen im Kreis in feiner Haltung – wie ihre Vorbilder Charlotte, Elizabeth und Anna.

Lorenz Gatt (Foto: © gt)
Bis 14. April: Mi.–Fr. 14–19 Uhr, Sa. 11–15 Uhr
www.galerie-scheffel.de

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