»Isle of Dogs – Ataris Reise« von Wes Anderson

Auf den Hund gekommen

Um es gleich vorweg zu sagen: »Isle of Dogs« ist nicht der beste Wes-Anderson-Film, all dieser Liebe zum Detail, dem technisch-ästhetischen Wagemut und der Zitierfreude zum Trotz, die wir von diesem Regisseur gewöhnt sind. Das liegt an einer Story, die den subtilen Humor eines Roald Dahl schon sehr vermissen lässt, dem Anderson mit »Fantastic Mr. Fox« seinen ersten großen Puppenfilm gewidmet hat. Stattdessen riecht diesmal der Plot reichlich nach Disney und Marktberechnung und Erwartungsbedienung.

In der nahen Zukunft ist die Welt im allgemeinen, Japan im besonderen und ganz besonders die Stadt Megasaki ziemlich heruntergekommen. Tsunamis, Erdbeben und Überproduktion haben Teile unbewohnbar gemacht, der endlos anfallende Müll wird auf der kontaminierten Trash Island entsorgt. Der Bürgermeister Kobayashi verfügt, als eine Hundegrippe grassiert, dass alle Hunde der Stadt nach eben dieser Müllinsel verbannt werden, trotz des Widerspruchs von Professor Watanabe, der erklärt, auf dem Weg zur Entwicklung eines Heilmittels voranzukommen. Zu den ersten Hunden, die verbannt werden, gehört Spots, der dem im Haus von Kobayashi aufgenommenen Waisenjungen Atari als Wachhund zugeteilt worden war. Sechs Monate später – das Projekt der Hundeverbannung ist mittlerweile fortgeschritten – landet Atari mit einem gestohlenen Flugzeug auf Trash Island und macht sich, unterstützt von einer Hunde-Gruppe um Rex, King, Duke, Boss und Chief auf die Suche nach Spots. Das wird eine abenteuerliche Heldenreise, die natürlich mit einer Rückkehr und der Überwindung der Diktatur in Megasaki endet. Dazwischen ist allerhand los, einschließlich von kleinen Liebesgeschichten in der Hunde- wie in der Menschenwelt. Und wir durften tief eintauchen in eine durchaus verzaubernde Trash-Poesie.
Hoch klingt das Lied von Freundschaft, Loyalität und Gerechtigkeit, und die politische Metaphorik, komplett mit US-amerikanischer Austauschschülerin als Anführerin des Widerstands aus Pressefreiheit und furchtloser Konfrontation mit den Tyrannen, folgsamen japanischen Techno-Kids und Haikus als frohe Botschaft, lässt nur wenige Klischees aus. Andersons gewohnter Charme (etwa beim Zitieren populärer und klassischer Vorbilder) trifft auf ein Japan-Bild, das nicht bloß aus Tourismus-, Manga- und »kawai«- (Kultur des Niedlichen) Elementen besteht, sondern immer wieder auch haarscharf an überkommenen Stereotypen vorbeischrammt. Man kann das natürlich nicht Rassismus nennen, es scheint nur ein etwas gedankenloses Durcheinander, als wäre ein Kino-, Comics- und Fernseh-affiner Amerikaner aufgefordert, alles zu assoziieren, was ihm zum Thema Japan so einfällt. Wenigstens das »white savior«-Element hätte Anderson sich doch sparen können …
Genug gemeckert. Ansonsten ist es natürlich schon ein große Kunst, die Puppen so lebendig werden zu lassen, und ihnen glaubhafte Charaktere und Dialoge zu verpassen, insbesondere in der Hunde-Gruppe auf Trash Island, die dann doch den leisen, sarkastischen Humor der Anderson-Welt vermitteln. Im Original ist auch diesmal Bill Murray als Stimme wieder dabei, der noch in keinem Anderson-Film fehlen durfte. Filme wie dieser zeigen überdies, dass es ganz andere Möglichkeiten gibt als den Stunt-Realismus der Actionfilme und die Anything-Goes-Ästhetik der Computeranimation. In nahezu jeder Einstellung spürt man die Freude und die handwerkliche Sorgfalt bei dem Versuch, auch die Puppen-Animation mit immer neuen Effekten und Perspektiven zu bereichern. Naivität und ›sophistication‹ umkreisen einander permanent. Langweilig ist das nicht. Besonders erhebend allerdings auch nicht.

Georg Seeßlen (Foto: © 2018 Twentieth Century Fox)

ISLE OF DOGS – ATARIS REISE
von Wes Anderson, USA/D 2018, 101 Min.
Animationsfilm, Start: 10.05.2018

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