Isabel Bogdans erster Roman »Der Pfau«

Der Pfau muss weg

In Hamburg lebt sie. Die schottischen Highlands liebt sie. Seit mehr als zwanzig Jahren fährt Isabel Bogdan regelmäßig in ein kleines Anwesen am Fuße der Berge. Sie hat in Heidelberg und Tokio studiert, Anglistik und Japanologie. Sie arbeitet als Übersetzerin, und sie schreibt auch selbst, »Sachen machen« (2012), Kurzgeschichten, und jetzt den urkomischen, mit dem trocknen Humor dieser feuchten Insel durchsetzten Roman »Der Pfau«. Das bald schon tote Tier ist der wahre Held dieser wilden Geschichte.

Das Herrenhaus in einem kleinen Tal am Fuß der schottischen Highlands wird von dem alten Ehepaar Lady und Lord McIntosh bewohnt. Wirtschaftsgebäude und Scheunen haben sie zu kleinen Feriencottages umgebaut. Mit deren Vermietung können sie ihr gepflegtes Anwesen unterhalten. Ihre Gäste lieben die Natur. Eine perfekte Idylle. Nur der Pfau stört. Denn der ist plötzlich durchgeknallt und attackiert auf einmal alles, was blau ist.  Das geht nicht lange gut.
An einem Wochenende im November hat das Management der Investmentabteilung einer Londoner Privatbank den Westflügel des Herrenhauses gemietet. Die Leiterin der Abteilung reist an mit ihrem Hund Mervyn, einem irischen Setter, vier Kollegen, einer Psychologin und einer Köchin. Zweck der Reise: eine »kreative Auszeit und Teambuildungsmaßnahme«.  Es wird ein turbulentes Wochenende. Die etwas hochnäsige Chefin steigt aus ihrem nagelneuen blaumetalicfarbenen Sportwagen, leider direkt in den Gänsedreck. Als der Lord das blaue Auto sieht, ist er beunruhigt. Zu Recht, denn am nächsten Morgen sind an dem jetzt nicht mehr ganz so neuwertigen Fahrzeug »Dellen, Kratzer und abgeplatzter Lack am hinteren Kotflügel.« Dem Lord wird klar, der Pfau muss weg. Er lockt ihn in den Wald, erschießt ihn und deckt das tote Tier mit Laub zu. Und damit beginnen die Turbulenzen. Bevor sich am nächsten Morgen die Banker wieder ihren wichtigen »Teambuildungsproblemen« widmen, machen sie einen Spaziergang durch den Wald. Mit Mervyn, dem Hund natürlich, der sehr bald schon und äußerst stolz seinem Frauchen den toten Pfau vor die Füße legt. Das Entsetzen ist groß. Was tun? Klar ist, der Pfau muss verschwinden, bevor der Lord bemerkt, dass Mervyn das Tier totgebissen hat. David, der jüngste der Banker, soll sich darum kümmern. Da hat die Köchin eine geniale Idee, in die sie aber nur David einweiht. Doch beim Rupfen bemerkt sie, dass der Pfau eine Ladung Schrot im Hals hat, Mervyn also völlig unschuldig ist. Natürlich kommt sie darüber ins Grübeln.  Wichtiger ist aber erst einmal, den Pfau in einen Fasan zu verwandeln, und damit ein allseits geschätztes Essen zu präsentieren. Während die Banker fleißig an ihrer psychologisch ausgetüftelten Teamerfahrung basteln, Schiffe malen, im Wald eine Hütte bauen, kommt es zu einem überraschenden Wintereinbruch mit massenhaftem Schnee. Damit nicht genug, auch das Licht fällt aus. Die Chefin legt sich mit einer fiebrigen Erkältung ins kalte Bett, und plötzlich macht die Gruppe wesentlich intensivere gruppendynamische Erfahrungen.
Zum Schluss hat jeder ein schlechtes Gewissen, weil jeder etwas verschweigt. Zurück in London, erzählt die Köchin ihrer besten Freundin die ganze Geschichte und  präsentiert zusätzlich noch eine kleine Überraschung. Witzig und gewitzt ist dieser Roman, gewürzt mit britischem Humor zeigt er die Kettenreaktion, die aus einer kleinen Lüge entsteht. Wie eine Reihe von Missverständnissen zu dem paradoxen Ergebnis führt, dass jeder Teilnehmer an diesem Wochenende glaubt, er habe allein die richtige Erklärung dafür.
Isabel Bogdans langjährige Erfahrung als Übersetzerin aus dem Englischen und ihre häufigen Aufenthalte in den schottischen Highlands haben gewiss dazu beigetragen, im Deutschen den richtigen Ton zu finden für britischen Humor und schottisches Lokalkolorit. Für ein Buch, das Spaß macht.

Sigrid Lüdke-Haertel
 
Isabel Bogdan: Der Pfau. Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016, 248 S., 18,99 Euro

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