Institut für Stadtgeschichte: »Schauplätze. Frankfurt in den 50er Jahren«

Ziehkind der Amerikaner

Das Institut für Stadtgeschichte ruft mit der Ausstellung  »Schauplätze. Frankfurt in den 50er Jahren« wach, wie sich die Mainstadt unter ihren sozialdemokratischen Bürgermeistern Walter Kolb und Werner Bockelmann der Moderne verschrieb – und historische Gebäude als »altes Gelersch« betrachtete. Was den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte, wurde in der Zeit danach zerstört, und das hat für die größten Veränderungen im Stadtbild von Frankfurt gesorgt. Vor allem autogerecht sollte Frankfurt sein, wovon mehrspurige Verkehrsschneisen und Fluchtlinien wie die Kurt-Schumacher, die Berliner oder die Große Eschenheimer Landstraße bis heute schmachbeladen zeugen.
Rund 150 ausgewählte Fotografien der 50er sind im Dormitorium des Karmeliterklosters unter Schlagworten wie »Aufbau«, »Leerstelle« oder »Konsum« thematisch geordnet. Nicht nur Gebäude-, Straßen- und Platzansichten mit und ohne Trümmer, sondern auch Gesichter und Ereignisse, die das Bild der 50er in Frankfurt prägten, sind zu sehen. Im Frankfurter Nachtleben wird die umtriebige Jazz-Szene mit den Mangelsdorf-Brüdern im Jazz-Keller gewürdigt, in der auch Louis Armstrong, wenn auch nur als Gast, begrüßt wurde. Angesagt unter Jazzfans war der Vorgänger des »Zoom«, das nach dem New-Orleans-Viertel benannte »Storyville« in der Stiftstraße, vor dem sich die Fans stauen und die Motorroller reihen. Nicht wirklich verständlich ist, dass Rosemarie Nitribitt, die populärste Frankfurterin nicht nur jener Zeit und erste Self-Made-Frau der Republik, nur als popeliges Pin-up auf einem comichaften Gemälde von Günther Strupp »Die Nana von Frankfurt am Main« auftaucht. Das aber nur am Rand. Eine Szene im Bahnhofsviertel zeigt die gefürchtete MP (Military-Police) der US-Army vor einem Lokal namens »Zur Hölle« in Aktion und ruft die Pay-Days in Erinnerung, an denen die GIs für Hochbetrieb sorgten.
Apropos GIs. Der hohen Präsenz der Amerikaner im Rhein-Main-Gebiet verdankt Frankfurt bis in die 90er hinein den Rang einer ersten Tourneeadresse der Republik, während es heute nur noch zweite Wahl ist. Wesentlich nachhaltiger wirkt die Protektion, die die Mainmetropole als Hätschelkind des US-Militärs genoss. Mit dem zum interkontinentalen Drehkreuz gekürten Airport Rhein-Main wurde die Stadt zum westdeutschen Verkehrsknotenpunkt nicht nur für Flug-, sondern auch für Bahn- und Autoverkehr und zur blühenden Wirtschaftsmetropole des Wiederaufbaus. Dieser Flughafen, so pries ihn OB Walter Kolb euphorisch, sei beliebig erweiterbar. Mit dem Wegfall der früheren Konkurrenz in Berlin stand auch dem Aufstieg als Bankensitz und Messeplatz nichts mehr im Wege. In Frankfurt wurde am meisten verdient und am meisten ausgegeben.
Dass viele der damals prägenden Neubauten, wie das Zürich Hochhaus, das Historische Museum, heute schon nicht mehr stehen, ist gewiss ein Beleg dafür, dass nichts so konstant ist, wie der Wandel in dieser Stadt, wie es Kulturdezernent Semmelroth zur Eröffnung der Schau formulierte. Wenn das Politiker sagen, klingt das freilich danach, als würde die Geschichte sie im Vorhinein von ihren Untaten freisprechen. Der die Ausstellung abbildende Bildband von Michael Pfleiter und Tobias Picard ist für 14,90 Euro zu haben.

Lorenz Gatt (Foto: © Institut für Stadtgeschichte)
Bis 6. November: Mo. – Fr. 10 – 18 Uhr, Sa. 11 – 18 Uhr
www.stadtgeschichte-ffm.de

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