»Im Schatten der Frauen« von Philippe Garrel

Neues zum Dauerthema

Da sage einer noch, die Nouvelle Vague sei tot! Von einem ihrer Protagonisten, dem 67-jährigen Philippe Garrel, kommt jetzt ein Film in die hiesigen Kinos, der uns an den viel zu früh verstorbenen François Truffaut erinnert. »Im Schatten der Frauen« ist ein Geschenk an alle Freunde und Verehrer des französischen Films der Sechzigerjahre.

Das Plakat passt perfekt: es zeigt einen jungen Mann zwischen zwei Frauen. Stanislas Merhar verkörpert Pierre wie Jean-Pierre Léaud einst den Antoine Doinel bei Truffaut. Pierre ist ein erfolgloser Dokumentarfilmer. Mit Manon (Clotilde Courau) lebt er seit Jahren zusammen, in einer bescheidenen Wohnung in Paris. Sie unterstützt ihn nach Kräften bei seiner Arbeit, hofft auf seine Karriere. Das hält ihn aber nicht davon ab, ein Verhältnis mit einer anderen Frau zu beginnen. Elisabeth (Lena Paugam) lernt er in einem Filmlager kennen. Er sei verheiratet, sagt er, und Elisabeth erwidert, das habe sie sich schon gedacht. Pierre lebt auf, endlich hat er Erfolg, zwar nicht im Beruf, aber bei einer jungen Frau. Vielleicht kommt der Schwung auch seinem Projekt zugute: dem Dokumentarfilm über den Résistance-Kämpfer Henry (Jean Pommier). Sein Verhalten zu Manon verändert sich allerdings, was diese auch bemerkt, und Elisabeth ist bald mit ihrer Rolle als Nebenfrau unzufrieden. Eifersüchtig beobachtet sie Pierre und Manon.
Nichts Neues, möchte man sagen. Doch da sieht Elisabeth, wie Manon mit einem Mann in einem Café sitzt und beide sich wie ein Paar verhalten. Pierre erfährt vom Seitensprung seiner Frau, regt sich auf und verlangt kategorisch, dass sie die Affäre beendet. Doch er misst mit zweierlei Maß, denn seine Beziehung zu Elisabeth verschweigt er. Das Klischee vom egoistischen Mann und den altruistischen Frauen unterläuft der Film, indem er Pierre und besonders Manons Liebhaber hilflos und beide Frauen selbstbewusst zeigt. »Das weibliche Begehren ist so kraftvoll wie das männliche«, benennt Garrel das Grundthema seines Films. Da wirkt Pierre wie ein unsicherer Junge, möchte man hinzufügen.
Der Regisseur hat diese Verwicklungen mit erstaunlicher Genauigkeit inszeniert. Er hat auf  schwarz-weißem 35-mm-Filmmaterial gedreht und geschnitten. Auch in der digitalen Version sieht man das körnige Zelluloid. Das teure Filmmaterial erfordert hohe Konzentration, um kostspielige Wiederholungen zu vermeiden. Das breite Scope-Format, das heute stilloser Standard geworden ist, wird vom erfahrenen schweizerischen Kameramann Renato Berta bewusst genutzt.
Man erfährt viel über das Verhältnis der Geschlechter, dieses Dauerthema aus Literatur und Film, dem sich die Franzosen schon von jeher besonders kenntnisreich widmen. Am Ende erweist sich zwar die Geschichte von der Résitance als eine Täuschung wie so manches in den Beziehungen der Protagonisten, aber eine Liebe siegt. Und das ist bei allen Irrungen und Wirrungen dann doch ein großer Trost.

Claus Wecker
IM SCHATTEN DER FRAUEN
von Philippe Garrel, F/CH 2014, 73 Min.
mit Clotilde Courau, Stanislas Merhar, Lena Paugam
Drama
Start: 11.02.2016

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