Im Fritz-Rémond-Theater brilliert Wilfried Elste als »Vater«

Wenn die Blätter fallen

Da soll doch jemand verrückt gemacht werden, denkt man und glaubt in die Theateradaption eines amerikanischen Psycho-Thrillers aus den 50ern geraten zu sein. Das Stück im Fritz-Rémond-Theater aber ist von 2012, heißt »Vater« und stammt von dem Franzosen Florian Zeller, der dafür den höchsten Autorenpreis seines Landes erhalten hat, den »Prix Molière«. Es zeigt tatsächlich, wie ein alter Mann, der Großvater André, an seiner Umgebung kirre wird. Allerdings nicht von perfiden Erbschleichern oder unterdrückten Ehepartnern manipuliert, sondern von einer Krankheit namens Alzheimer.

Das klingt schrecklich, klingt nach Problemstück, ist es auch, aber totspannend, mitreißend und ziemlich witzig, ohne belustigend zu sein. Und nicht nur das. Viel Besseres gibt es derzeit in ganz Frankfurt nicht auf der Bühne zu sehen.

Das liegt zum einen am Raffinement des Autors, zum anderen aber am Schauspieler Wilfried Elste in der Rolle des alten André. Und es gründet natürlich auch darin, dass die Regie von Altmeister Michael Wedekind und die Bühne von Bettina Neubauer für einen perfekten Rahmen sorgen. Fangen wir beim Stück an, das, wie uns nur langsam klar wird, aus der Perspektive jenes alten Mannes André erzählt wird und – allerdings nur für diesen – in einem Raum stattfindet. Eben hat der Spätsiebziger sich noch mit seiner ihn umsorgenden Tochter Anne (Verena Wengler) wegen seines Umgangs mit den Pflegerinnen gestritten und dann von ihr erfahren, sie werde bald zu ihrer neuen Liebe nach London ziehen. Wenig später sind wir mit André konsterniert, als eine andere Frau sich selbstverständlich als Anne ausgibt und über Umzugspläne nur lachen kann. »Aber Papa, das weißt du doch, dass ich seit fünf Jahren mit Pierre verheiratet bin – du wohnst doch bei uns«. Da soll doch einer…, aber dabei bleibt es nicht. Wir entdecken, wie ein Gemälde allmählich seine Farben verliert und Andrés Wohnung ihre Möbel.

Elste gibt diesen André als bärbeißigen Kauz im trotzigen Kampf mit dem, was er für wahr hält. Er lässt uns miterleben, wie er zäh, aber auch zweifelnd mit sich ringt, wenn ihm wieder mal etwas Ungeheuerliches in der Wohnung begegnet. Die falsche Tochter, ihren falscher Mann, aber auch den anderen fragt er: »Wer sind Sie? Was machen Sie hier?« Herzig und rührend, wie er sich der neuen Pflegerin von seiner jungen Seite zeigt. Bewegend, wenn er bemerkt, dass er sich wie ein Baum fühlt, der seine Blätter verliert. Kurzum: Wilfried Elste, langjähriges Mitglied am Frankfurter Schauspiel und dort als Gast zuletzt in »Der Menschenfeind« und »Die Winterreise« zu sehen, weiß alle Register seiner hohen Kunst zu sehen und findet in Verena Wengler ein adäquates Gegenüber, das auch die Anstrengung derer zum Ausdruck bringt, die in ihrem Alltag mit demenzkranken Menschen leben. Ein großer Abend.

Winnie Geipert (Foto: © Fritz-Rémond-Theater)
4.-29. Mai, Di.-Sa. 20.00 Uhr, So. 18.00 Uhr
Fritz-Rémond-Theater, Frankfurt, www.fritzremond.de

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