Hübsche Köpfe (69)

Das mit den Kopfbedeckungen ist ja so eine Sache. In meiner Jugend – zugegeben: lang, lang ist’s her – galt die eiserne Regel: beim Betreten geschlossener Räume nehme man gefälligst die Hüte, Mützen, Helme, Tücher und ähnliche Haarschoner ab. Ausnahmen gab es nur für religiös motivierte Bedeckungen und für die feinen Damen (oder solche, die sich dafür hielten) in den dunnemals noch häufiger existierenden Kaffeehäusern, die sich dort mit ihren Komposthütchen eine fröhlichen bis verbissenen Wettstreit lieferten. Komposthütchen genannt, weil sich auf dem Hut so manch nette Gartenkraut- und –blumennachbildung wiederfand. Dieses innerhäusige Kopfbedeckungsverbot hat sich bei mir so tief eingegraben, dass ich mir auch heute noch nach meinen doch sehr häufigen Amilandbesuchen dort beim Betreten eines Restaurants oder einer Bar umgehend meine amigemäß obligatorische Kappe vom Kopf reiße und dann damit nahezu der einzige barhäuptige Mann in dem Etablissement bin: Baseballkappen und Cowboyhüte gehören dort halt auf den Kopf, immer.
Nähern wir uns also mal dem tieferen (in diesem Fall eher höheren) Sinn des Tragens haupthaarverbergender Bekleidungsstücke, wobei ich mal die Funktionshüte wie Stahl-, Polizei- und Motorradhelm außer Acht lasse, ebenso wie die gesamtkopfverbergenden Kleidungsstücke von Bankräubern. Da ist zuvörderst der regen-, sonnen-, wind- oder sonstige wetterschützende Effekt, der die darunterliegende Haarpracht in ihrer ursprünglichen Schönheit bewahren soll. Manchmal aber auch die eher schütteren bis nackten Männerköpfe vor Kälte oder Verbrennungen dritten Grades. Da ist aber auch der schmückende Aspekt zu erwähnen, die Kaffeehausdamenhütchen ebenso wie der Federschmuck in zeitlich und räumlich ferneren Regionen. Beides vermischt sich dann in den diversen Ecken unserer weiten Welt mit kulturellen und/oder religiösen Dogmen. Etwas außer den eigenen Haaren auf dem Kopf zu haben, ist – so scheint es – ein zutiefst menschliches Bedürfnis, das global gilt. Unterschiedlich nur in Form, Farbe, Material und den spezifischen gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Normen und Vorstellungen. Das führt dann in unserer reise- und migrationsfreudigen Welt angesichts fremdartiger Kopfbedeckungen das eine oder andere Mal zu bewundernden Blicken bis hin zu erstauntem Kopfschütteln. Warum dann ausgerechnet die Kopftücher aus dem mehr islamisch geprägten Umfeld immer mal wieder für Aufregung sorgen, ist angesichts manch verrückter Wollmützen auf jugendlichen Rapperköpfen nicht wirklich verständlich.
Absurd wird es nur da, wo die Kopfbedeckung ideologisch hochstilisiert wird, wie es z.B. die Publizistin Khola Maryam Hübsch fertigbringt: Das Kopftuch bis hin zum Schleier bringt Frauen Freiheit (Buchtitel: »Unter dem Schleier die Freiheit«): Freiheit vor lüsternen Männerblicken in einer durch (halb-)nackte Frauenkörper in der Werbung sexualisierten Welt. Nun ist die Kritik an einer sexualisierten Werbung so alt wie berechtigt, die Aussage aber, Bedecken des Kopfes oder gar Verschleiern des Gesichts sei ein Ausdruck der Emanzipation, spielt letztlich jenen in die Hände, die das Schminken oder Tragen von aufreizender Kleidung als Ausrede für männliches Fehlverhalten nutzen und letztere damit aus ihrer Verantwortung entlassen. Frau Hübsch greift nicht die gerade bei ihren Glaubensbrüdern (aber nicht nur dort) noch stark vorherrschende Macho-Welt an, sondern bläst zum Rückzug der Frauen, nicht gerade ein Zeichen von Freiheit.
Hut ab, Tuch auf. Hübsch ist, was gefällt.

Jochen Vielhauer

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