Historisches Museum: Gisèle Freund 1. Mai 1932

HMF: Gisèle FreundEin historischer Tag

Es ist ein denkwürdiger Tag in der Geschichte Frankfurts, den das Historische Museum in Frankfurt in 51 Bildern der Fotografin Gisèle Freund dokumentiert: Der 1. Mai 1932 sollte sich als der letzte freie Tag der Arbeit in der Weimarer Republik erweisen.
Mit ihrer neuen Leica 1-Kamera, einem Geschenk ihrer Eltern, hielt die damals 23 Jahre alte Studentin des Instituts für Sozialwissenschaften den Aufmarsch linker Studenten, denen sie als Mitglied der »Roten Studentengruppe« angehörte, und Arbeitergruppen der KPD sowie deren Kundgebungen und Redner in Kampfespose am Opernplatz und auf dem Römer fest, aber auch Polizisten, unter Polizeischutz demonstrierende Burschenschaftler und Heil-Hitler-Grüße von Frankfurter Bürgern. Ihr Blick in die Menge zeigt demonstrierende Schüler der Anna-Schmidt-Schule unter dem Sütterlinschrift-Banner »Kinder!! kommt zu uns«. Aktive eines Arbeitersportvereins in kurzen Hosen. Oder Frauen, die auf einem Transparent die Abschaffung des Paragraphen 218 fordern, damals schon.
Die Leica 1 ist das legendäre erste Modell einer frei handhabbaren schnell und flexibel einsetzbaren Kamera. So entstehen aufregende Zeitzeugnisse mit vielen ernsten Gesichtern, aus denen man die Dramatik der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und eine Ahnung des nahenden Unheils zu lesen vermeint. Bilder, die aber auch den ordnenden komponierenden Blick der späteren Fotografin erkennen lassen, die stets darauf achtet, dass die Parolen zu erkennen sind.
In den Archiven der Stadt gebe es nicht eine Aufnahme von diesem denkwürdigen Tag, berichtet der Stadthistoriker Dieter Wesp. Dagegen nehme der unter der Regie der NSDAP stehende 1. Mai zwölf Monate später mehr als ein Drittel des Jahresbestands an Fotografien ein. Mit seiner Schenkung des Bildersets an das Historische Museum habe das Frankfurter Ehepaar Martin und Margarete Murtfeld auch eine Lücke im fotografischen Gedächtnis der Stadt geschlossen. Die nun übergebenen Originalabzüge haben die Stifter von der bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 in Paris lebenden Künstlerin schon in den 90ern für ihr Engagement erhalten. Frau Murtfeld hatte bei Besuchen der vereinsamten und ärmlich lebenden großen Porträtfotografin von den nur teilweise entwickelten Filmen erfahren und Freund von der dokumentarischen, aber auch biografischen Bedeutung für Frankfurt überzeugt. Die mithilfe der DZ-Bank initiierte Ausstellung in Museum für Moderne Kunst 1995 habe das denn auch bestätigt. Viele Frankfurter, die den 1. Mai 1932 Tag noch in Erinnerung hatten, seien damals in das MMK gekommen sich dort bisweilen sogar erkannt, berichten die Kunstmäzene von berührenden und emotionalen Reaktionen.
Zugleich sei die Ausstellung der Beginn der Wiederentdeckung Gisèle Freunds gewesen, die sich zunächst aus Gründen der künstlerischen Qualität ihrer Aufnahmen nicht sehr angetan von der Idee gezeigt habe. Die Soziologiestudentin hatte sich 1932 mit ihrem Lehrer Norbert Elias zwar schon über das Thema ihrer Promotion (Porträtfotografie des 19. Jahrhunderts in Frankreich) verständigt, ihre Zukunft aber eher in der Soziologie gesehen. Ende Mai 1933 gelang der Jüdin Freund die Ausreise nach Paris, wo sie mit ihrem Thema an der Sorbonne 1936 promovierte. Berühmt wurde sie durch ihre frühen Porträts von damals noch kaum bekannten Künstlern wie James Joyce, Virginia Woolf oder auch Picasso, sowie durch die Magazinaufträge von »Life«, »Paris Match« und anderen. Die von Martha Caspers konzipierte Ausstellung findet man in der Abteilung »Stifter und Sammler« im 2. Stock.

Lorenz Gatt
Bis 3. Mai: Di bis So. 10 – 17 Uhr; Mi. 10 – 21 Uhr
www.historisches-museum.frankfurt.de

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