Haywire (Start: 8.3.2012)

Zurück zum Genrekino

»Haywire« von Steven Soderbergh  

»Trau’ keinem« lautet die Werbezeile auf dem deutschen Plakat und in der Tat etabliert »Haywire« von der ersten Sequenz an ein grundsätzliches Mißtrauen gegenüber allen Personen, mit denen es die Protagonistin Mallory zu tun bekommt. Gleich das Treffen in einem Diner, mit dem der Film beginnt, verwandelt sich in Blitzesschnelle von einem Dialog zwischen Kollegen in einen Zweikampf. Wer trachtet Mallory nach dem Leben? Ihr Arbeitgeber selber? Und: hat das etwas mit dem Auftrag in Barcelona zu tun, von dem sie eben erst in die USA zurückgekehrt ist? Das war, wie eine Rückblende zeigt, eine Operation, die zwar erfolgreich war (die Geisel wurde befreit), aber mit einer Schießerei auf offener Straße mehr Aufmerksamkeit auf sich zog als geplant.
Gerade hat »Dame, König, As, Spion« den Blick verschoben im Genre des Spionagefilms, vom Agenten im Feldeinsatz wie James Bond, auf die Mechanismen hinter den Kulissen, die Machtkämpfe, die Intrigen und den Verrat an allerhöchster Stelle, da schickt sich »Haywire« an, beides miteinander zu verbinden. Mallory Kane ist Agentin im Außeneinsatz, für eine selbständige Sicherheitsfirma tätig, die jene schmutzigen Aufträge ausführt, mit denen offizielle Stellen nicht in Verbindung gebracht werden möchten.
»Trau’ keinem« gilt bei ihr auch für die eigenen Kollegen: als in Dublin der ihr zugeteilte einheimische Kontaktmann Paul im Badezimmer ist, lädt sie den Inhalt seines Handys auf ihren Computer. Zu Recht, denn kurz darauf macht ein überraschender Fund ihr klar, daß die Vergangenheit sie einholt und daß jemand ein doppeltes Spiel mit ihr spielt. Selber zum Abschuß freigegeben, muß Mallory herausfinden, wer die Hintermänner sind, und diese zur Rechenschaft ziehen.
Ein tödliches Element, das das System zum Erliegen zu bringen droht, weltweit sind die Schäden, niemand aus der Starbesetzung ist vor ihm sicher: was sich wie eine Beschreibung von Steven Soderberghs letztjährigem Viren-Thriller »Contagion« anhört, trifft genauso gut auf seinen jüngsten (tatsächlich schon vor »Contagion« gedrehten) Film »Haywire« zu, mit dem der experimentierfreudige Regisseur, der kürzlich seinen bevorstehenden Abschied vom Filmemachen verkündete, »so etwas machen wollte wie die frühen Bond-Filme«.
Im Nahkampf erweist sich Mallory Kane als überzeugendes Talent, eine Kampfmaschine, die Soderbergh besetzt hat mit Gina Carano, einer Mixed-Martial-Arts-Meisterin, die hier ihr Debüt vor der Kamera gibt und den realistischen Ansatz des Films unterstreicht, der etwa in den Verfolgungsjagden sichtbar wird. Daß alle Figuren außer Mallory Männer sind, die meisten davon ihre Gegner, läßt bei diesem Film manchmal an die Blaxploitation-Filme der siebziger Jahre denken.
Im Wechsel von Verfolgungsjagden, Kampfszenen auf beengtem Raum und verbalen Konfrontationen entfaltet »Haywire« seine Mischung aus Realismus und Kinomagie und markiert, zusammen mit »Drive«, eine Rückkehr des schnörkellosen Genrekinos, die man sich gern gefallen läßt.

Frank Arnold
 
HAYWIRE
von Steven Soderbergh, USA 2011, 93 Min.
mit Gina Carano, Channing Tatum, Michael Fassbender, Ewan McGregor, Michael Douglas, Antonio Banderas, Mathieu Kassovitz
Thriller
Start: 8.3.2012

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