»Grüße aus Fukushima« von Doris Dörrie

Voll verstrahlt

Unter den vielen deutschen Filmemachern, die ihre Figuren zur Selbstfindung ins Ausland schicken, nimmt Doris Dörrie mit ihrer Dauerfaszination für Japan eine Sonderstellung ein. In ihrer neuen Tragikomödie lässt sie eine voll verstrahlte Deutsche ausgerechnet in Fukushima nach Erlösung suchen. Katastrophentourismus als Selbsttherapie? Auch von diesem mal wieder ziemlich närrischen Plot, in kunstsinnigem Schwarzweiß gedreht, sollte sich niemand abhalten lassen, diese unerwartet verspielte Tragikomödie anzusehen.

Nach ihrer geplatzten Hochzeit flieht Marie nach Japan. Als Mitglied der Organisation Clowns4Help will sie mit zwei Kollegen in Fukushima Gutes tun. Nach dem Tsunami von 2011 und der Havarie des Kernkraftwerks harren in der Umgebung des Reaktors noch ein paar alte Menschen aus, die in provisorischen Baracken leben. Ihre Bespaßung durch weit angereiste Clowns wird von den Oldies zwar höflich beklatscht. Doch selbst der in ihren Frust versackten Marie wird schnell die Peinlichkeit der Situation bewusst. Hulahop für einsame Senioren? Echt jetzt?
Filmemacherin Doris Dörrie, deren zweite Heimat Japan ist, verarbeitet ihre endlose Faszination für die uns so nahe und zugleich so fremde Kultur schon in ihrem vierten Film. Wie im Drama »Kirschblüten – Hanami«, in dem ein Westler im Land des ewigen Lächelns seine Seelenruhe fand, entwickelt sich auch Maries Trip in eine unvorhersehbare Richtung. Sie wird von der älteren Satomi dazu gebracht, sie in die gesperrte Zone zu fahren. Dort zieht Satomi wieder in ihr verwüstetes Haus ein. Und Marie, die schon den Heimweg nach Deutschland plante, kehrt spontan zu ihr zurück und hilft ihr beim Reparieren. Das Aufräumen statt des Fratzenmachens, das gemeinsame Putzen und Werkeln mit der wortkargen Satomi, bringt Maries inneren Aufruhr allmählich zum verstummen. Doch auch Satomi, die letzte Geisha der Region, wird von den Gespenstern der Vergangenheit gepeinigt.
Japan-Fan Dörrie legt wie ihre total verstrahlte Antiheldin den Geigerzähler ziemlich schnell beiseite. Die von der Flut verwüstete Küste, in der Zäune und abgetragene Erde von den Maßnahmen gegen Radioaktivität künden, dient nur mehr als surreal-poetische Kulisse für die Begegnung zweier sehr verschiedener Frauen. Fast scheint es, als sei der Prozess der gegenseitigen Annäherung für Dörrie vor allem ein Vorwand, um einige Aspekte der japanischen Kultur genauer darzustellen.
Kaori Momoi, ein japanischer Star, der u.a. mit Akira Kurasawa zusammenarbeitete, spielt eine unwirsche Geisha, die angesichts der trampeligen Deutschen in ihre Rolle einer Geisha-Ausbilderin zurückfällt. Und tatsächlich wirkt Rosalie Thomass als nölige, ungeschlachtete Amazone neben der zarten Satomi wie ein »Elefant«. Wie soll sie es mit ihren langen Beinen je schaffen, sich so anmutig vor dem Teetisch zusammenzufalten wie Satomi? Glücklicherweise wird in diesen kleinen Culture-Clashs, etwa bei Maries Erlernen der Teezeremonie, keine Seite idealisiert. Ungeachtet des Geisha-Knigges erweist sich auch Satomi als eine Frau mit Ecken und Kanten, wie es sich etwa beim Besuch der beiden Frauen bei Satomis Tochter in Tokio herausstellt.
Mit schöner Unbekümmertheit durchdringen sich dokumentarische Beobachtungen aus dem heutigen Japan, die Widersprüche zwischen atemberaubender Modernität und Zen-Tradition, mit dem inneren Drama der beiden Frauen; sogar vor einer Geisterbeschwörung schreckt Dörrie nicht zurück. Zusammengehalten wird diese wilde Geschichte durch feinsinnige Leitmotive, die einen untergründigen – und in Dörries bedeutungsschwangeren Filmen nicht eben oft vorkommenden – Witz entwickeln. Darauf einen Sake!

Gabriele Zimmermann
GRÜSSE AUS FUKUSHIMA
von Doris Dörrie, D 2016, 102 Min.
mit Rosalie Thomass, Kaori Momoi, Moshe Cohen, Nami Kamata
Drama
Start: 10.03.2016

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