Graham Swift: »Ein Festtag«

Vom Glück, ein weißes Blatt zu sein

Der englische Schriftsteller Graham Swift, 1949 in London geboren, wo er auch heute wieder lebt, wurde 1996 schon für seinen Roman »Last Orders« (dt. »Letzte Runde«) mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller und der Autor – weltberühmt. Zu Recht, wie sein neues Buch, eine Novelle, die Roman genannt wird, jetzt eindringlich bestätigt. Ein schmales, aber großartiges Buch.

Jane Fairchild ist ein Findelkind, abgelegt vor einem Waisenhaus. Die Schwestern geben dem Mädchen einen Namen, einen Geburtstag. Sie lernt lesen und schreiben. Mit sechzehn Jahren wird sie Dienstmädchen bei den wohlhabenden Nivens, denen »der große Sturm der Verwüstung«, gemeint ist der Erste Weltkrieg, einen großen Teil ihres Besitzes geraubt hat.
Paul Sheridan, Sohn einer befreundeten Familie, beginnt mit Jane eine Beziehung. Nach jedem Treffen bezahlt er sie mit einem Sixpence. Beide empfinden bald schon mehr füreinander. Doch der Standesunterschied bleibt. Der Abstand zwischen Herrschaft und Dienerschaft war damals nicht zu überbrücken. Dann kommt der entscheidende Tag, der 30. März 1924, »Mothering Day«. Ein Tag, der den Engländern in Erinnerung blieb,  so heiß wie sonst nur Sommertage. An diesem Tag bekommen die Dienstmädchen frei, um ihre Mütter zu besuchen. Und die Herrschaften, allein gelassen, flüchten ebenfalls und unternehmen den traditionellen Ausflug.
Für Jane wird dieser Tag zu einem Festtag und in der Folge zum Wendepunkt in ihrem Leben.
Paul lädt sie zum ersten Mal in sein Elternhaus ein. Zum ersten Mal schlafen sie miteinander in seinem Bett. Doch bald muss er sich wieder anziehen, um seine zukünftige Frau zum Lunch zu treffen. Jane bleibt noch etwas und spaziert, splitterfasernackt, stolz und selbstbewusst, mit einem nicht zu unterdrückenden Gefühl des Triumphes durch das herrschaftliche  Haus. Ihr ist klar, noch »nie hatte es einen Tag wie diesen gegeben, nie wieder würde oder konnte es einen solchen geben«. Jane, nicht nur tapfer, denkt vor allem realistisch. Sie gestattet sich keine Wehmut, keinen Kummer. Sie fragt sich nur, wie lange es dauern könnte, bis die Erinnerung an »diesen Tag verblassen« würde. Für Paul hingegen mündet der Tag in einer Katastrophe. Für Jane wiederum bedeutet er schließlich den Aufbruch in ein völlig neues Leben. Sie hatte immer schon die Bücher aus der herrschaftlichen Bibliothek gelesen. Das kommt ihr zugute, als sie sich zwei Jahre später in einer Oxforder Buchhandlung bewirbt und die Stelle auch bekommt. Sie lebt jetzt in einer anderen Welt. Sie heiratet einen Philosophen. Sie beginnt selbst zu schreiben und wird schließlich zu einer gefeierten Schriftstellerin. Alle Welt interessiert sich nicht nur für ihre Bücher, sondern auch für ihre eigene Lebensgeschichte.
Graham Swift erzählt diese, an sich so simple Geschichte mit großer Kunstfertigkeit. In dauerndem Wechsel der Perspektiven wird die Vergangenheit als geschildert und die Gegenwart der unterdessen sehr alten Frau in einer Reihe von Interviews gespiegelt.
»Als sie achtzig und dann neunzig war und in Interviews gebeten wurde, auf ihre jungen Jahre zurückzublicken, fand sie, sie konnte zu Recht behaupten (obwohl sie es nie tat), dass eine ihrer frühesten Beschäftigungen die Prostitution war. Waise, Dienstmädchen, Prostituierte.«
Sie hadert nicht mit ihrer Herkunft; nicht, dass sie ohne Familie aufgewachsen ist. Sie ist vielmehr davon überzeugt, dass es für einen Schriftsteller das Beste sei, »nicht nur namenlos, sondern auch alterslos« auf die Welt gekommen zu sein, das heißt als ein völlig leeres, unbeschriebenes Blatt. Ein Zustand, der einem alle Möglichkeiten offen lässt. Es ist an der Literatur, diesen Raum auszufüllen.
Graham Swift erzählt nicht nur eine anrührend bewegende und dazu spannende Geschichte. Er hat ein echtes Kabinettstück geliefert

Sigrid Lüdke-Haertel
Graham Swift: Ein Festtag. Roman.
Aus dem Englischen von Susanne Höbel.
dtv, München 2017, 142 S., 14,99 €

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