Gothic-Musical »Jekyll & Hyde« im English Theatre

Ein folgenschwerer Selbstversuch

Als Robert Louis Stevenson 1886 nach einer Albtraum-Nacht die Geschichte vom »Seltsamen Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ niederschrieb, reihte sie sich nahtlos in die phantastische Literatur eines E.T.A. Hoffmann oder Edgar Alan Poe ein, die sich auch schon mit dem Doppelgängermotiv beschäftigt hatten. Aber erst als sich der Film des Stoffes annahm – wurden die psychologischen, kulturellen und erotischen Implikationen der Erzählung stärker herausgearbeitet.
Besonders die Interpretation von Rouben Mamoulians Film-Klassiker aus dem Jahre 1931 hat den Autor und Liedtexter Leslie Bricusse – selbst Komponist so großartiger Musicals wie »Stop the World I Want to Get Off« und »Dr. Doolittle« – zu seiner nun im English Theatre aufgeführten Version inspiriert, zu der Frank Wildhorn die Musik geschrieben hat. Wildhorn hat sich bei seiner fast durchkomponierten Pop-Oper wiederum von Andrew Lloyd Webber inspirieren lassen, klingt aber in vielen Passagen moderner als sein (»Phantom«-)Vorbild, dem er nur in den bombastischen Passagen seiner Komposition allzu sehr auf die Noten schaut. Und die hat Arrangeur Tom Attwood für die sechsköpfige Band unter der präzisen Leitung von Ed Hewlett, zu der sich ab und an aus dem Schauspieler-Ensemble eine Klarinettistin, ein Cellist und ein Saxophonist im Frauenkostüm gesellen, noch mal kräftig aufgerockt und mit jazzigen Tupfern versehen.
Die Spannung des Stücks erwächst aus der Frustration: Dr. Jekyll bekommt weder seine Forschungen über die Trennung des Guten vom Bösen im Menschen finanziert, noch darf er seiner Verlobten Emma vor der Hochzeit an die Wäsche. Also schreitet er zum Selbstversuch, wandelt sich nächtens zum bösen Mr. Hyde, der sich mit der Prostituierten Lucy seine sexuellen Phantasien erfüllt. Als er dann die bigotten Ablehner seines Forschungsantrages nacheinander hinmeuchelt, wird er zum Schrecken der Stadt. Jekyll bekommt seine Experimente immer weniger in den Griff, ermordet schließlich sogar Lucy und am Hochzeitstag beinahe auch Emma, ehe sein Freund und Anwalt John Utterson (souverän:Leon Kay) dem Spuk ein Ende macht …
Regisseur Tom Littler schuf in kongenialer Zusammenarbeit mit dem Bühnen- und Kostüm-Bildner Neil Irish, sowie dem Licht-Designer Richard G. Jones auf der runden Podest-Spielfläche eine beklemmende viktorianische Gothic-Atmosphäre. Wobei sie die Szenerie mit einfachen, farbigen Vorhang-Tricks vom Bürgerhaus über die Kirche bis hin zum Bordell wechseln. Und im Zusammenspiel mit dem Fight-Director Philip d´ Orléans gelingt ihm Jekyll & Hydes Mordserie zu einem gruselig, choreographischen Spektakel. Natürlich wird das Stück durch die drei Hauptdarsteller geprägt. Wie schon in »Ghost« überzeugt John Addison auch hier gesanglich und schauspielerisch, versieht besonders die Verwandlungs-Szenen mit einem Gänsehaut-Effekt. Und darf mit »This Is the Moment« den Showstopper des Abend singen. Samantha Dorsey (als Emma) bietet mit ihrer klaren Stimme der großartigen Chlodagh Long (Lucy) Paroli. Beide berühren uns tief im Herzen mit ihrem Duett »In his Eyes« und verleihen dem Gothic-Grusel jene Prise Romantik, die den gelungenen Musical-Abend perfekt abrundet.

Rolf-Ruediger Hamacher (Foto: © Martin Kaufhold)
Di.–Sa., 19.30 Uhr; So., 18 Uhr
www.english-theatre.de

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