goEast 2014

9. bis 15. April in Wiesbaden

Ein Frauenheld ist der 40-jährige Sandro nicht gerade, trotzdem hat er am Ende zwei Frauen, um die zu kümmern er sich verpflichtet fühlt. Zu der von den Eltern ersehnten Hochzeit ist es bis dahin allerdings nicht gekommen. Vielmehr scheint es ungewiss, ob Sandros Eltern noch erleben werden, dass ihr Sohn heiratet. Mit viel Sympathie erzählt Regisseur Levan Koguashvili in »Blind Dates« von seinem »Helden« und dessen Erlebnissen im postsowjetischen Georgien. Sandro ist die Lethargie in Person, er reagiert nur und kann nicht nein sagen. Einer von vielen in Osteuropa?

Den Ukrainern und Russen kann man Untätigkeit in diesen Tagen nicht vorwerfen. In der Ukraine kochen uralte Konflikte hoch, und das Festival goEast ist zum Erklären der Situation geradezu prädestiniert. Der Episoden-Dokumentarfilm »Ukraine Stimmen« aus dem »Indie-Lab« von Dmytro Tiazhlov und Ella Shtyka läuft als Weltpremiere und außer Konkurrenz im Wettbewerb. Diverse Filmemacher zeigen darin, wie ideologisch zerrissen das Land ist. Ein Tierschützer aus dem Naturschutzgebiet Askania Nowa marschiert zum Maidan nach Kiew, wo eine Demonstrantin ihren gepanzerten Gegenüber vom Wert ihrer politischen Haltung zu überzeugen sucht. Während ein Mann ohne Papiere als Nomade in der Stadt lebt, geht ein anderer für seine Rechte bis zum Europäischen Gerichtshof. Und in einem Kosaken-Camp werden Jugendliche militärisch ausgebildet.

Ein weites Spektrum umfassen die zehn Spiel- und sechs Dokumentarfilme, die für den Wettbewerb aus 371 Einreichungen ausgesucht wurden. Im Eröffnungsfilm »Ida« (im schwarzweißen 4:3-Format gedreht) schildert der in England lebende Pole Pawel Pawlikowski, wie die Klosterschülerin Ida und ihre Tante im Polen der sechziger Jahre aufeinandertreffen. Die Tante ist eine Richterin, die ihre sozialistischen Illusionen im Alkohol ertränkt hat. Ida, die kurz vor ihrem Gelübde steht, erfährt, dass ihre Eltern Juden waren und deshalb den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt haben. Wird sie sich am Ende für das Kloster entscheiden?

Immer wieder wartet der Autorenfilm mit autobiographischen Stoffen auf. So ist zu vermuten, dass der estnische Regisseur Veiko Õunpuu in »Free Range – Ballaad maailma heakskiitmisest«, seiner Geschichte vom gefeuerten Filmkritiker, der ein rebellischer Poet sein möchte, wie auch der Rumäne Corneliu Porumboiu in »Wenn es Nacht wird in Bukarest oder Metabolismus«, einem Film über das Filmemachen, eigene Erfahrungen verarbeitet haben.

Die Jury, die unter den interessanten Wettbewerbsbeiträgen Preiswürdiges auswählen soll, steht unter dem Vorsitz des Produzenten und Regisseurs Jan Harlan, der mit Stanley Kubrick zusammengearbeitet hat.

Passend zum Eröffnungsfilm, der formal an jene Zeit erinnert, beschäftigt sich das Symposium mit der polnischen Neuen Welle der sechziger Jahre. Neben Roman Polanskis »Das Messer im Wasser« werden Filme von Jerzy Skolimowski, Krzysztof Zanussi, Andrzej Zulawski und anderen gezeigt. In der Sektion »goEast Highlights« werden drei Publikumserfolge aus Estland, Polen und der Tschechischen Republik zu sehen sein, und in der Reihe »goEast Specials« gibt es am Samstagabend »Wie der Fußball nach Georgien kam« (UdSSR 1975) mit anschließendem Tischkickerturnier und einer Party.

Zu der Sonntagsmatinee werden Anja Antonowicz, Jens Klüber, Jördis Triebel (angefragt), Alexander Scheer (angefragt) und als Moderator Rudolf Worschech (epd Film) kommen, es läuft »Westen« von Christian Schwochow.

Festivalkinos sind in Wiesbaden das Caligari, das Alpha, das Murnau-Filmtheater und die Casino-Gesellschaft, zusätzlich in Frankfurt das Kino im Deutschen Filmmuseum, in Mainz das Palatin mit zwei Filmen und in Darmstadt das Rex mit vier polnischen Filmen.

Claus Wecker
www.filmfestival-goeast.de

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