goEast – 16. Festival des mittel- und osteuropäischen Films

Diese Empfangsdame wird man nicht so schnell vergessen. Wie Snezana Markovic alias Lamija durch die Gänge des Luxushotels in Sarajewo stapft, die Kamera immer dicht auf den Fersen – das gehört zu den bleibenden Erinnerungen der diesjährigen Berlinale. »Death in Sarajevo«, Danis Tanovic‘ grandiose Tragikomödie zur Lage in Bosnien-Herzegowina, die mit dem Grand Prix der Berlinale-Jury unter Meryl Streep ausgezeichnet wurde, wird am 20. April goEast in Wiesbaden eröffnen.
Ein bisschen ratlos dürfte dieser Film das Festivalpublikum zurücklassen. Wird doch der  französische Schauspieler, der das hohe europapolitische Lied singt, als vollkommener Ignorant entlarvt. Wenn es ums Kennenlernen der anderen Kultur geht, bleibt also noch eine Menge zu tun. Also sind unter der Überschrift »Wir und sie? Vom Anderssein und Andersmachen« Filme im Festival zu sehen, die Aus- und Abgrenzungserscheinungen in ihren unterschiedlichen Formen thematisieren, wie etwa Michael Ciminos Westernepos »Heaven’s Gate« (USA 1981), in dem osteuropäische Einwanderer von Großgrundbesitzern unter Gewaltanwendung vertrieben werden.
Im Spiel- und Dokumentarfilmwettbewerb konkurriert eine Auswahl von zehn Spielfilmen und sechs Dokumentarfilmen aus Mittel- und Osteuropa. Ob es sich um Autoren-, Arthouse- oder Genrekino handelt, immer werden die Stimmung und der gesellschaftliche Zustand des jeweiligen Landes reflektiert. »Insayt« (Insight) von Alexandr Kott zeigt in eindrucksvoll schmutzig-grünen Bildern einen jungen Mann, der erblindet und auf die Hilfe der Krankenschwester Nadezhda angewiesen ist. Ihr Name bedeutet Hoffnung, und die beherrscht beide Menschen in ihrer tragischen Beziehung.
Die Andersartigkeit des osteuropäischen Kinos, das sich den Ansprüchen eines westlichen Feel-good-Publikums mutig entgegenstellt, ist an dieser Stelle in den vergangenen Jahren immer wieder herausgestellt worden. »Insayt« kann in diesem Sinne als Musterbeispiel gesehen werden. Auf ein Happy End, das ja eigentlich ein »happy ending« ist, sollten sich die Zuschauer bei diesem beeindruckenden Film lieber nicht freuen.
Symposium und Porträt haben sich diesmal dem Genrekino verschrieben. Mit dem Kriminalfilm aus osteuropäischer Perspektive beschäftigt sich das Symposium. Unter dem Titel »Die im Schatten: Verbrechen und andere Alltäglichkeiten im mittel- und osteuropäischen Kriminalfilm ab 1945« vereint das Programm »hierzulande weitgehend unbekannte Spielarten des Krimis, die vom klassischen Polizeifilm bis hin zum nihilistischen Noir reichen«, steht in der Ankündigung der Organisatoren.
Polnisches Kultkino bietet das diesjährige Porträt: Die Werkschau stellt Juliusz Machulski vor, den Regisseur, Drehbuchautor und Produzent einiger der erfolgreichsten polnischen Produktionen der vergangenen 35 Jahre – wie die Science-Fiction-Satire »Sex Mission« (1984) oder die Verwechslungskomödie um den gleichnamigen Taxifahrer »Kiler« (Killer, 1997). Mit einem gelungenen Balanceakt zwischen westlichem Genreduktus und einem bissigen, sozialkritischen Humor trafen die Filme des Absolventen der Lódzer Filmhochschule schon zur Zeit ihrer Kinostarts einen Nerv des Publikums.
Hauptspielort ist die Caligari Filmbühne am Wiesbadener Marktplatz. Daneben gibt es Vorführungen im Murnau Filmtheater und im Apollo Kinocenter sowie Wiederholungen im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt sowie im Palatin in Mainz und im Programmkino Rex in Darmstadt. Das Festivalzentrum, in dem weitere Informationen erhältlich sind, befindet sich in der Wiesbadener Casion-Gesellschaft.

Claus Wecker (Foto: Death in Sarajevo)
www.filmfestival-goEast.de

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