Freies Schauspiel Ensemble: Das Himbeerreich

Freies Schauspiel Ensemble: Das HimbeerreichRealer als Reality

Titania: Das FSE inszeniert Andres Veiels »Das Himbeerreich« als Tribunal

Der Titel des neuen Stücks des Freien Schauspiel Ensembles (FSE) zitiert Gudrun Ensslin, die 1969 wegen der Beteiligung an den Brandanschlägen auf zwei Frankfurter Kaufhäuser einsitzend sich »Früchte des Himmelreichs« erbat und damit die schöne Konsumwelt der Luxuswaren meinte.

Nicht deswegen aber ist »Das Himbeerreich« wie für Frankfurt gemacht, sondern weil es von Banken, besser: von Bankern handelt – den Top-Dogs der Finanzelite und ihrem Anteil an der großen Finanzkrise. Es geht in dem vielleicht reellsten aller aktuellen Reality-Stücke um ihr Denken, ihre Gefühle, ihre Lüste, Zwänge, um den Kitzel und vor allem die Verantwortung, die sie für ihre asozialen, nur noch dem Profit und einer bodenlosen Gier verpflichteten Geschäfte fühlen.

Der Dokumentar-Filmer und Autor Andreas Veiel hat dafür Interviews mit 25 anonym bleibenden Finanzvorständen und anderen Hochkalibern geführt und das Ergebnis in fünf profilierten gut unterscheidbaren Personen konzentriert: vier Investment-Banker, sämtlich Alpha-Tiere, und eine Bank-Personalchefin, der wohl auch kein Alpha-Mann je begegnen möchte, wenn sie mal weniger gut auf ihn zu sprechen ist. »You have to be fuckable«, lautet eine ihrer Atem-raubenden Karriereeinsichten. Eine eher witzige Regieidee ist die Kammerdienerrolle eines Chauffeurs: »Ich gebe mir Mühe, dass man mich versteht. Die geben sich Mühe, dass sie man sie nicht versteht.«

Dass den Managern inzwischen gemeinsam ist, selbst aussortierte oder stillgestellte Opfer der Krisenauslese zu sein, kommt ihrer Offenheit gewiss zugute – und fördert erschreckende Einsichten. Sie machen nicht nur offenbar, wie stark der Einfluss der Politiker auf das Verhalten der Banken war, sondern auch, dass der große Finanz-Bang eher aufgeschoben als vermieden ist. Ein heißes Eisen, das im aktuellen Wahlkampf und ein Jahr nach der Occupy-Räumung, aus bösen Gründen zum Tabuthema der Politik geworden ist.

Veiel hat »Das Himbeerreich« am Staatsschauspiel Stuttgart und am Deutschen Theater Berlin selbst inszeniert und die Bühne in eine bunkerhaft kunstbeleuchtete, aseptische Glas- und Stahllandschaft verwandelt. Die Kritik kreidete ihm zum einen eine zu monologisierte Präsentation der Positionen an und zum anderen, dass der Zuschauer viel über Charaktere und ihre Motive, aber wenig Verständliches über die Mechanismen der Krise habe erfahren können.

Reinhard Hinzpeter ist sicher, solche Einwände mit einer ruhigeren und genaueren Gangart vermeiden zu können und dadurch, seine Akteure sehr viel direkter dem Publikum auszusetzen. Im Titania 100 Jahre nach Rosa ein Volkstribunal? Es wird sich weisen.

Für das FSE ist es nachgerade ein Coup, die Frankfurter Aufführungsrechte für Veiels Stück ergattert zu haben. Man fragt sich ohnehin, wie und warum das Frankfurter Schauspiel diese mit großer Aufmerksamkeit bedachte Inszenierung sich und der Stadt im Jahr von Geld und Goethe hat entgehen lassen können. Dass Intendant Oliver Reese seine Option für eine nachträgliche eigene Aufführung nicht gezogen hat, ist schon eher nachzuvollziehen – und der Bockenheimer Theatergruppe zu gönnen. Am 28. steigt die Premiere. Schon am 15., zum Saisoneröffnungstheaterfest, gibt es eine erste öffentliche Kostprobe.

Winnie Geipert
Termine: 28. September (Premiere) 20 Uhr (alle weiteren Vorstellungen im Oktober), www.freiesschauspiel.de

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