Frankfurter Kunstverein: Matters of Time. Artists from Finland

kunst_FKV_Matters-of-time_Nasanen_Round_Installation-view_1Ach, du liebe Zeit

Wenig Worte und sehr viel Wodka. Ein bisschen was von der dunklen und gleichsam  humorvollen Lakonie der Kaurismäki-Filme erhofft sich der unbedarfte Zeitgenosse schon von einer zeitgenössischen Finnland-Ausstellung, wie sie der Frankfurter Kunstverein in seiner jährlichen Einstimmung auf den Ehrengast der  Buchmesse anbietet. Zumindest widerspricht der weitschweifige Titel »Matters of Time«, Zeitfragen, dieser Erwartung nicht, die sich in wenigstens einem der vielen Videofilme unter den Arbeiten von acht finnischen Künstlern und Künstlergruppen voll erfüllt.  »Round« heißt dieser fünfminütige Beitrag von Elena Näsänen, der auf einen ewigen Kreislauf hinausläuft. Zwei parallel ablaufende Filme in identischen Einstellungen zeigen links eine Frau und rechts einen Mann synchron zunächst an einer langen Restauranttheke Platz nehmend. Wir sehen sie synchron bestellen, trinken, ins Leere schauen, vom Hocker fallen, aus der Kneipe wanken, durch die Straßen torkeln und endlich zur Tür des »Ravanola« gelangen, um eben dort einen Wodka zu bestellen und so weiter. Das Murmeltier lässt ewig grüßen. Die nordische Einsamkeit auch.
Es gibt noch ein Video, auf dem der Alkohol nur so fließt und wirkt. Es zeigt zwei sich unter regem Zuspruch von Wein und Likör bei einem Abendessen am Wohnzimmertisch angeregt unterhaltende Paare aus der Sicht eines Fensterkiebitzes. Eine im buchstäblichen Sinne nichtssagende, gewöhnliche Szene, von der nur unverständliches Geraune nach draußen dringt. In abrupten Ausblendungen wird der plötzlich mit einem leeren grauen Schirm konfrontierte Betrachter seiner selbst gewahr – kein sehr angenehmer Moment. Minna Langström hat das gut 20 Minuten lange Werk aus der Perspektive eines Ausgeschlossenen »Thin Membrane« genannt.
Auf Ausgeschlossen-Sein deutet auch der Blick auf einen vorüber gleitenden Großdampfer im Abendlicht,  der sich über vier Fenster einer mutmaßlichen Halle erstreckt. (Salla Myllylä: »Departure»). Vom selben Künstler ist die auf 18 Minuten geraffte Langzeitaufnahme »Fade out« eines von der Sonne bestrahlten Vorhangs. Wer Farbe gerne beim Trocknen respektive Bleichen zusieht, mag das genießen. Die gewiss aufregendste Arbeit steuert das Künstlerduo IC 98 mit einer 70-minütigen Breitwandanimation bei, die der Geschichte des im 19. Jahrhundert errichteten Säulengebäudes Stoa in Helsinki gewidmet ist. Dessen über die Jahrhunderte immer wieder wechselnde Funktion im Stadtleben wird in einer in stetem Wandel sich befindenden Kulisse nachempfunden.
Aus der Nicht-Video-Abteilung sei vor allem das knappe Dutzend der Arbeiten von Mikko Kuorinki erwähnt. Ein Schweizermesser, das mit ausgeklappten Greifern eine Erdnuss hält, ein Textilhügel aus selbstgetragenen T-Shirts, aus dessen Inneren »Depression« von Black Flag dröhnt oder die herrliche weiße Trommel, die mit zwei nachgerade aufreizend zum Schlagen einladenden  Schlegeln an einem Gestell hängt. Ein Schlag, so viel ist klar, würde Tommi Grönlund & Petteri Nisunen für einen Moment vergessen lassen, deren Installation »Matters of Time« die gesamte Ausstellung mit Tausenden von sich auf einer Metallplatte bewegenden Stahlkugeln klanglich grundiert. Das einen Stock drüber in sechs Varianten ausgestellte Innenleben von Uhren jongliert das Ausstellungsthema zwar wie kein anderes, zeigt aber nichts, was es bei Uhren-Ebert um die Ecke nicht schon im Schaufenster gegeben hätte.

Lorenz Gatt
Bis 12. Oktober: Di., Do., Fr. 11 – 19 Uhr;
Mi. 11 – 21 Uhr; Sa., So. 10 – 19 Uhr
www.fkv.de

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