Frankfurter Kammeroper: »Carmen«

Kammeroper: Carmen (Foto: Wolfgang Fuhrmannek)Feurio im Palmengarten

Anspruchsvolle Kunst, ironische Distanz und ein gehöriger Schuss Dreckischkeit: So stehen seit jeher die Weichen, wenn die Frankfurter Kammeroper im Sommer unter freiem Himmel in den Palmengarten lädt. Georges Bizets dramatische Oper »Carmen« erfüllt schon auf Basis der schlüpfrigen Vorlage von Prosper Mérimée alle Voraussetzungen für einen ambitionierten feucht-fröhlichen Abend. Und löst die Erwartungen unter der Regie von Rainer Pudenz und der musikalischen Leitung Florian Erdls – dies vorweg – weitestgehend ein.

Dazu trägt in erster Linie das präzise Spiel des ausdrucksstark dirigierten Orchesters bei. Zum Weinen schön klingen die Flöte und die Klarinette und ganz hervorragend auch die – gendermäßig fast paritätisch besetzten – Blechbläser. Wer das Glück oder die Chance hat – es gibt keine nummerierten Plätze – weit vorne und somit auf Augenhöhe zu den Musikern zu sitzen, wundert sich nicht mehr, dass man diese gewöhnlich uneinsichtig in den Orchestergraben versenkt. Es fällt bei der Fülle von Ohrwürmern und vertrauten Weisen nicht leicht, den Blick von den jungen konzentrierten Gesichtern und ihrem musikalischen Leiter zu lösen und auf die Bühne zu lenken.

Dort oben aber hat Dzuna Kalnina im engen schwarzen Kleid mit einer mächtigen roten Rose im dunklen Haar ihre Idealrolle gefunden und weiß, singend wie spielend, eine heißblütige Carmen zu geben, der nicht jeder »hombre« gerne in die Hände fiele: so glutäugig hungrig, so selbstbewusst, so launisch und auch berechnend, wo sie es für nötig erachtet. Sie ist, auch wenn das politically nicht sehr korrekt erscheint, ein Rasseweib, eine Femme fatale, verführerisch und gefährlich zugleich, die wie ein Stier den Kampf mit den Männern aufnimmt und konkurrierenden Frauen die Krallen zeigt.

Oder auch die Messeklinge: Letzteres hat zu ihrer Verhaftung geführt, der sie sich mit Hilfe des braven, ihr aber sofort verfallenden Soldaten José entzieht. Da für die kompromisslose Gitana aber nicht José, sondern der feurige Torero Escamillo das A & O des Begehrens ist, bringt der eifersüchtige Biederbub sie um.

Stimmlich übertrifft indes Lisa Koroleva ihre Mitspieler. Die russische Sopranistin sticht als Josés Verlobte Micaela aber nicht nur gesanglich heraus: Blond (!) gelockt unter einem blauweiß geringelten Sommerhütchen – die Rundschau vermutete Doris Day – sieht sie in ihrem alpenseeblauen Kleidchen aus, als hätte sie sich auf die Rolle der Wirtstochter im Weißen Rössl am Wolfgangsee vorbereitet, die derzeit in Bad Vilbel gegeben wird. Köstlich.

Ohnehin gehören die schreibunten Kostüme von Margarete Berghoff zu den Gute-Laune-Konstanten der Kammeroper, wobei dieses Mal die neckermanngelben ärmellosen Leibchen des Männerchores – man könnte von Muscle-Shirts reden, stimmte die Füllung – zum Kreischen sind. Man nimmt dem überwiegend gesetzten Haufen weder die zackigen spanischen Soldaten noch die lüsternen Gefangenen noch die baskischen Schmuggler ab – und hat an der rundum gelungenen Ensemble-Leistung dennoch und gerade deshalb seine Freude. Auch an dem verdruckst auftretenden José des Alec Otto, der in seinen prächtigsten Passagen von seiner Mutter mit einem Laib Brot in der Hand singen muss. Und an Christiaan Snymans oft überkantetem Escamillo als Popstar, dem die wie ein Bienenschwarm im Kleinen Schwarzen hereinbrechenden Tabakfabrikarbeiterinnen ihre Dessous zuwerfen, hat man ebenso seinen Spaß wie an dem gewiss aus Frankfurt stammenden Besitzer einer Tapas-Bar bei Sevilla, der die »Spärrschtund« ausruft.

Trotz der immer wieder überschwappenden Laune wird Bizet hier nicht verraten, verliert die Frankfurter »Carmen« zu keinem Zeitpunkt den dramatischen Ernst. Dazu tragen auch, weil gesungen opernüblich nicht alles immer verständlich ist, die gesprochenen Passagen der Bizet’schen Fassung bei, die immer wieder Klarheit in die Handlung bringen. Die wohldosierte Regie von Rainer Pudenz und – noch einmal betont – das zupackende Dirigat Florian Erdls machen es möglich: »Bravi, bravi«-Rufe und Jubel im Publikum.

Winnie Geipert/Katrin Svoboda
Termine:
2., 3., 4., 7., 9., 10., 11. August jeweils 19.30 Uhr

Anspruchsvolle Kunst, ironische Distanz und ein gehöriger Schuss Dreckischkeit: So stehen seit jeher die Weichen, wenn die Frankfurter Kammeroper im Sommer unter freiem Himmel in den Palmengarten lädt. Georges Bizets dramatische Oper »Carmen« erfüllt schon auf Basis der schlüpfrigen Vorlage von Prosper Mérimée alle Voraussetzungen für einen ambitionierten feucht-fröhlichen Abend. Und löst die Erwartungen unter der Regie von Rainer Pudenz und der musikalischen Leitung Florian Erdls – dies vorweg – weitestgehend ein.
Dazu trägt in erster Linie das präzise Spiel des ausdrucksstark dirigierten Orchesters bei. Zum Weinen schön klingen die Flöte und die Klarinette und ganz hervorragend auch die – gendermäßig fast paritätisch besetzten – Blechbläser. Wer das Glück oder die Chance hat – es gibt keine nummerierten Plätze – weit vorne und somit auf Augenhöhe zu den Musikern zu sitzen, wundert sich nicht mehr, dass man diese gewöhnlich uneinsichtig in den Orchestergraben versenkt. Es fällt bei der Fülle von Ohrwürmern und vertrauten Weisen nicht leicht, den Blick von den jungen konzentrierten Gesichtern und ihrem musikalischen Leiter zu lösen und auf die Bühne zu lenken.
Dort oben aber hat Dzuna Kalnina im engen schwarzen Kleid mit einer mächtigen roten Rose im dunklen Haar ihre Idealrolle gefunden und weiß, singend wie spielend, eine heißblütige Carmen zu geben, der nicht jeder »hombre« gerne in die Hände fiele: so glutäugig hungrig, so selbstbewusst, so launisch und auch berechnend, wo sie es für nötig erachtet. Sie ist, auch wenn das politically nicht sehr korrekt erscheint, ein Rasseweib, eine Femme fatale, verführerisch und gefährlich zugleich, die wie ein Stier den Kampf mit den Männern aufnimmt und konkurrierenden Frauen die Krallen zeigt.
Oder auch die Messeklinge: Letzteres hat zu ihrer Verhaftung geführt, der sie sich mit Hilfe des braven, ihr aber sofort verfallenden Soldaten José entzieht. Da für die kompromisslose Gitana aber nicht José, sondern der feurige Torero Escamillo das A & O des Begehrens ist, bringt der eifersüchtige Biederbub sie um.
Stimmlich übertrifft indes Lisa Koroleva ihre Mitspieler. Die russische Sopranistin sticht als Josés Verlobte Micaela aber nicht nur gesanglich heraus: Blond (!) gelockt unter einem blauweiß geringelten Sommerhütchen – die Rundschau vermutete Doris Day – sieht sie in ihrem alpenseeblauen Kleidchen aus, als hätte sie sich auf die Rolle der Wirtstochter im Weißen Rössl am Wolfgangsee vorbereitet, die derzeit in Bad Vilbel gegeben wird. Köstlich.
Ohnehin gehören die schreibunten Kostüme von Margarete Berghoff zu den Gute-Laune-Konstanten der Kammeroper, wobei dieses Mal die neckermanngelben ärmellosen Leibchen des Männerchores – man könnte von Muscle-Shirts reden, stimmte die Füllung – zum Kreischen sind. Man nimmt dem überwiegend gesetzten Haufen weder die zackigen spanischen Soldaten noch die lüsternen Gefangenen noch die baskischen Schmuggler ab – und hat an der rundum gelungenen Ensemble-Leistung dennoch und gerade deshalb seine Freude. Auch an dem verdruckst auftretenden José des Alec Otto, der in seinen prächtigsten Passagen von seiner Mutter mit einem Laib Brot in der Hand singen muss. Und an Christiaan Snymans oft überkantetem Escamillo als Popstar, dem die wie ein Bienenschwarm im Kleinen Schwarzen hereinbrechenden Tabakfabrikarbeiterinnen ihre Dessous zuwerfen, hat man ebenso seinen Spaß wie an dem gewiss aus Frankfurt stammenden Besitzer einer Tapas-Bar bei Sevilla, der die »Spärrschtund« ausruft.
Trotz der immer wieder überschwappenden Laune wird Bizet hier nicht verraten, verliert die Frankfurter »Carmen« zu keinem Zeitpunkt den dramatischen Ernst. Dazu tragen auch, weil gesungen opernüblich nicht alles immer verständlich ist, die gesprochenen Passagen der Bizet’schen Fassung bei, die immer wieder Klarheit in die Handlung bringen. Die wohldosierte Regie von Rainer Pudenz und –  noch einmal betont – das zupackende Dirigat Florian Erdls machen es möglich: »Bravi, bravi«-Rufe und Jubel im Publikum.
Winnie Geipert/Katrin Svoboda
Termine:
2., 3., 4., 7., 9., 10., 11. August jeweils 19.30 Uhr

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