Frankfurter Autoren Theater auf den Spuren von »Shame«

Sex mit der Frau an sich

Es ist ein Stück über Sex und Verlangen. Und doch ist das Hauptrequisit von »Shame« nicht etwa das Bett im hinteren Bereich der FAT-Bühne, sondern ein Laptop. Das Gerät liegt links vorne auf einem kleinen Tisch gleich neben dem Fenster, das Richtung Bockenheim blickt.  In diesem Winkel zieht sich der urbane Nighthawk, um den es in »Shame« geht, seine Pornos rein. Er trägt ein weißes Designer-Hemd, sieht gutverdienend, bankertypisch aus. Im metallischen Schein des Monitors wirkt er mehr apathisch als besessen, wir sehen nur sein versteinertes Gesicht und hören es blechern stöhnen und grunzen. Dann klingelt ein Telefon und eine Frau spricht aufs Band in die Leere: »Ich bin‘s«, »Geh ran!«, »Geh ran!«, ohne dass er reagiert.
Adrian Scherschel hat »nach Motiven« des 2012 gedrehten gleichnamigen Films von Steve McQueen mit Michael Fassbender als süchtigem Sexnerd eine sehr eigenwillige Szenenstudie verfasst und unter seinem Regiepseudonym beatnik für das Frankfurter Autoren Theater in der Brotfabrik inszeniert. Mit Daniel Schwingel als Protagonisten und Saskia Simunek in allen Frauenrollen. Beide wirkten schon in der beatnik-Produktion »Die Schaukel« (Strandgut Februar 2015) mit.
Die Handlung, so man hier von einer solchen reden kann, hat Scherschel  von New York nach Frankfurt verlegt, warum auch immer, und statt eines Brandon jagt hier ein deutscher Michael das Phantom einer erfüllten Sexualität.
Ein im buchstäblichen Sinn getriebener Mann, von Daniel Schwingel bis in die Haarspitzen cool gespielt, sucht nach Befriedigung im Netz und in der Wirklichkeit bei Huren, Kolleginnen und jener Frau, die ihn immer wieder anruft. Im Film ist Letztere Brandons Schwester, die seine Welt zum Einsturz bringt. Bei Scherschel wird sie zu einer von vielen Varianten der Frau an sich, die Michael in jeder seiner Begegnungen findet und ihm weder bieten kann, was er aus der virtuellen Welt bezieht, noch, was er dort vermisst. Mal um Mal bricht der Sex-Sisyphus mit ihr, um zum Laptop zurückzukehren.  
Auf der ins Halbdunkle getauchten Bühne finden Simunek und Schwingel zu einem völlig unprätentiösen, wortkargen, aber auch unterkühlten Spiel im Dreieck zwischen Laptop, Pritsche und einer imaginären Bar. Auch Simunek deutet in Flirts und Nähe-Angeboten ihre Gefühle immer nur an. Der künstliche Raum der menschlichen Begegnungen gerät in Widerspruch zur medialen Emozone, in der Michael zunehmend wilder Hand an sich legt. Bis »sie« ihn ertappt und zur Rede stellt: Laptop-Klappe zu. Laptop-Affe tot?
In nur 50 Minuten durchwandern die Schauspieler eine Seelenlandschaft, die bewusst Fragen offen lässt und auf vorweise Antworten verzichtet. Das lässt Zeit und gibt reichlich Stoff für das im FAT-Theater obligatorische Gespräch bei Rotwein und Bauernbrot mit allen beteiligten Künstlern.

gt (© Allapoppersoni)
Termine: 4., 5., 13. Dezember, 20 Uhr
www.fat-web.de

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