Filmtipp: »Loveless« von Andrey Zvyagintsev

Die unerträglichen Eltern

Zhenya und Boris waren einmal ein Paar. Jetzt ist zwischen ihnen ein Psychokrieg ausgebrochen. Bei Zhenyas Hassausbrüchen kann man kaum glauben, dass sie früher in Boris verliebt war. Aber vermutlich entsteht da der größte Hass, wo vorher geliebt wurde.

Weil beide schon einen Ersatz gefunden haben, wäre alles halb so schlimm, wenn es nicht den zwölfjährigen Alyosha gäbe. Der hat nämlich das Pech, dass er der Sohn von Zhenya und Boris ist. Wer soll sich um ihn kümmern, wer soll ihn aufziehen? Der Vater hat keine Zeit, weil er arbeitet. Außerdem fürchtet er die Kündigung, wenn herauskommt, dass er in Scheidung lebt. Für die harte Mutter ist Alyosha eine Heulsuse und das passende Instrument, ihren Mann unter Druck zu setzen.
Dass die Kinder die Leidtragenden sind, wenn Familien zerbrechen, ist zwar allgemein bekannt, aber im Krisenfall nicht entscheidend. Zu diesem Thema gab es in den letzten Jahren zwei herausragende Filme: »Die Ökonomie der Liebe« von Joachim Lafosse und »Le passé« von Asghar Farhadi. Beide Filme zeigen die Kinder zwischen ihren Eltern, bemüht, sie wieder zusammenzubringen.
Der Russe Andrey Zvyagintsev, der mit den beiden Meisterwerken »Die Rückkehr« (20013) und »Leviathan« vom deutschen Kinopublikum mehrheitlich ignoriert wurde, geht einen Weg jenseits dieser konventionellen Dramaturgie. In »Loveless« ist der kleine Alyosha nur wenige Filmminuten im Bild. Man sieht ihn aus der Schule kommen, durch ein kleines Waldstück nach Hause gehen und mit Ästen und einem Streifen Absperrband spielen, wie es Jungen auf der ganzen Welt tun. Zu Hause angekommen, wird er Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen seinen Eltern, die dabei sind, die gemeinsame Wohnung zu verkaufen.
Am nächsten Tag ist Alyosha spurlos verschwunden, was zunächst keinem auffällt. Zhenya und Boris sind so mit ihren neuen Partnern – und sich selbst – beschäftigt. Erst spät, bemerken sie, dass der Junge weg ist. Nun beginnt eine lange Suche, in deren Verlauf wir Zhenya und Boris näher kennenlernen. Sie liebt den Luxus, mit einem wohlhabenden Mann scheint sie das richtige Leben gefunden zu haben. Da ist Alyosha nur eine Last. Zhenyas Mutter ist eine bösartige alte Frau, die ihrer Tochter Vorwürfe macht, dass sie nicht abgetrieben hat. Die Begegnung mit ihr ist von so haarsträubender Bosheit, dass es sogar Boris zuviel wird.
Er steckt in einer neuen Beziehung, die sich – da braucht man als Zuschauer nicht viel Phantasie – zu einer Neuauflage seiner alten Ehe zu entwickeln droht. Seine Freundin erwartet bereits ein Kind von ihm, und seine Situation, die Schuldgefühle, die er gegenüber Alyosha hat, wecken kein Mitgefühl bei ihr.
Ingmar Bergmans Drama »Szenen einer Ehe« habe ihn angeregt, hat Regisseur und Co-Autor Zvyagintsev gesagt. Es gehe in seinem Film »um ein typisches modernes Mittelstandspaar, um entfremdete Stadtmenschen, die ohne wirkliches Bewusstsein für sich selbst und andere und vor allem ohne jegliche Selbstzweifel vor sich hinleben«. Doch »Loveless« stellt mit seiner Kälte und seiner bedrohlichen Atmosphäre den theatralischen schwedischen Ehekrieg noch in den Schatten. Maryana Spyvak und Alexey Rozin brauchen sich nicht anzuschreien, ihr dokumentarisch-zurückgenommenes Spiel lässt einen schaudern. Einzig der freiwillige Helfer (Alexey Fateev), der die Suche nach dem Jungen koordiniert, ist eine positive Figur in diesem großartigen Film, der sein breites Scope-Format allerdings nicht auszunutzen weiß. Weniger Luft an den Rändern hätte den Film noch intensiver gemacht. Aber das ist nur ein kleiner Einwand.
Für einen vergnüglichen Abend taugt dieses Drama jedenfalls nicht. Doch es soll ja auch Kinobegeisterte geben, die von den gängigen Wohlfühlfilmen genug haben. Bei den Oscar-Nominierungen für den Besten fremdsprachigen Film ist »Lovelss« jedenfalls dabei.

Claus Wecker

LOVELESS (Nelyubov)
von Andrey Zvyagintsev, RUS/F/B/D 2017, 128 Min.
mit Maryana Spivak, Alexey Rozin, Matvey Novikov, Marina Vasilyeva, Andris Keishs, Varvara Shmykova
Drama
Start: 15.03.2018

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