Festival Fluchtpunkt Frankfurt

Wutmaßungen über Gott und die Welt

Fluchtpunkt Frankfurt ist kein Event, sondern ein Statement. Das scheint die kommentarlose Übernahme und Fortschreibung des Festival-Titels aus dem Januar des Jahres zu meinen, als sich zum ersten Mal Tausende Menschen aus der Region in den Räumen des Frankfurter Schauspielhauses zu Diskussionen und Workshops, zu Begegnungen und künstlerischen Darbietungen rund um das Thema Flucht einfanden. Es hat sich nichts geändert an der Dringlichkeit der dort verfolgten Inhalte, es sei denn zum Schlechteren.
Das Schauspiel Frankfurt hat eine zweisprachige Broschüre der dreitägigen Veranstaltung (21.– 23. Oktober) aufgelegt, die auch auf der Homepage einzusehen ist. Im darstellerischen Bereich sticht das Gastspiel der Münchner Kammerspiele heraus, für die Regisseur Nicolas Stemann Elfriede Jelineks Text »Wut« inszeniert hat. Die Nobelpreisträgerin hat dieses Stück in Reaktion auf die Attentate in der Redaktion von »Charlie Hebdo« sowie einem jüdischen Supermarkt in weit assoziierender Sprache und Sprachbildern verfasst. Darin geht sie nicht nur den religiösen, sozialen, psychologischen Motiven der Täter nach, sondern auch dem weltweiten Betroffenheitskult und dem Braungesudel der deutschen Wutbürgerschaft, bringt Historisches, wie ein lange tabuisiertes Pariser Polizeimassaker an Algeriern, und auch Sagenhaftes, wie den intrafamiliären Amoklauf des Herakles zu Wort. Wie schon die Uraufführung in München im April deutlich machten, so werden auch die beiden Frankfurter Vorstellungen nicht außer Acht lassen, dass nach den Anschlägen auf  »Charlie Hebdo« die Zeit keinesfalls stehen geblieben ist.
Nicolas Stemann hat die meist ohne Satzzeichen oder gar Sprechzuweisungen angelegten lawinenhaften Textflächen der Autorin schon mehrfach in intermediale Mega-Spektakel verwandelt. Sieben Schauspieler, zwei Musiker, jede Menge Technik, darunter viele Handy–Scams kommen zum Einsatz. Dass bei Stemanns Inszenierungen irgendwann die Türen aufgehen und man seinen Platz auch verlassen kann, gehört zum Konzept seiner so aufreibenden wie aufregenden Abende.
In den heimischen Kammerspielen stellt das kanadische Künstlerkollektiv Mammalian Diving Reflex von Darren O’Donnell das Projekt »Hemsbach Protocol« vor. In der Stadt an der Bergstraße testen Geflüchtete und Einheimischen auf kreativen Wegen aus, was Integration vermag und was nicht.
Die »Syrien-Monologe» des Ashtar-Theatre aus Ramallah sind in einem jordanischen Flüchtlingscamp entstanden und das Ergebnis einer Schreibwerkstatt, in der persönliche Erfahrungen von Krieg und Flucht verarbeitet werden konnten. Neben der deutsch szenischen Lesung auf Arabisch veranstalten die Palästinenser Workshops über die psychosozialen Ansätze ihres »Theaters der Unterdrückten«.

gt (Foto: © Thomas Aurin)
Termine Wut: 22. Oktober, 19.30 Uhr; 23. Oktober, 18 Uhr
Termin »Hemsbach  Protocol«: 22. Oktober, 17.30 Uhr
Termin »Die Syrien-Monologe«: 23. Oktober, 19 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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