English Theatre eröffnet mit
»The Glass Menagerie« die Saison

Tennessee Williams mit Herzblut

Als einen feinsinnigen, akribisch arbeitenden Regisseur hat man Tom Littler am English Theatre in Frankfurt kennengelernt, wo er in der Vorsaison den Hitchcock-Thriller »Strangers on a Train« und das grandiose Family-Politdrama »Other Desert Cities« auf die Bühne brachte. Für den Intendanten Daniel Nicolai war diese Erfahrung Grund genug, dem Briten  als drittes Stück binnen Jahresfrist die Ouvertüre zur Saison 2015/2016 anzuvertrauen, die dem (US-)American Dream gewidmet sein soll.
Dass dafür Tennessee Williams nicht sehr häufig gezeigtes, doch persönlichstes Stück »The Glass Menagerie« ausgedeutet worden ist, liegt indes daran, dass es weit oben auf der Wunschliste von Littler steht. Der nämlich hält es nicht nur für eines der besten amerikanischen Stücke, sondern auch für das vielleicht wichtigste, weil es in der Verbindung von naturalistischem Spiel und Poesie, durch die Einbindung eines Erzählers wie im Einsatz von Licht und Musik neue Maßstäbe auf der Bühne setzte.
Williams verarbeitet in dem in St. Louis, dem Wohnort seiner Jugend, spielenden Drama von 1944 das Schicksal seiner psychisch erkrankten Schwester Rose, deren langwierige ärztliche Behandlung in einer unsäglichen Gehirnoperation (Lobotomie) mündete. Nicht nur Williams Mutter taucht in der Glasmenagerie auf, auch er selbst unter seinem wahren Namen Tom als erzählender Bruder. Littler: »Tennessee alias Tom fühlte sich schuldig, weil er wegging und seine Schwester Rose verlassen hatte. Das Stück ist Hommage, Würdigung und Entschuldigung an Rose in einem«.
Roses Bühnenpendant ist die verschlossene, gehbehinderte junge Laura Wingfield, die für ein paar glückliche und hoffnungsvolle Momente dem armseligen Dasein entfliehen kann, das sie mit ihrer vom Mann verlassenen Mutter Amanda und ihrem Bruder führen muss. Während Tom dieser Realität im Kino zu entkommen sucht und Amanda sich die Erinnerungen schön trinkt, zieht sich die vereinsamte Laura in die funkelnde Welt der Glasfiguren zurück – bis ihr Schulschwarm Jim zu Besuch kommt und mit ihr tanzt. Für diese zentrale Szene hat Littler eigens einen Tanzlehrer verpflichtet.
Während derzeit noch in London mit vier gecasteten Schauspielern geprobt wird, steht das Bühnenbild schon weitgehend fest. Es wird von einem kleinen Wald aus 13 teils turmhohen, sich permanent drehenden dreieckigen Stelen gesäumt, die mit Spiegeln verkleidet sind und so das »Spiel der Erinnerungen« (A Memory Play), wie Williams die Glasmenagerie im Untertitel nennt, im buchstäblichen Sinne reflektieren. Das Publikum jedenfalls darf sich zum Saisonauftakt auf eine eng an der Vorlage orientierte puristische Inszenierung gefasst machen, die frei von postdramatischen Regiemoden ist. »Mit Herzblut geschrieben und mit Herzblut inszeniert – besser kann es nicht sein«, freut sich Nicolai auf den Saisonstart.
Auf seinem American-Dream-Way wartet das English Theatre ab dem 5. November mit dem Musical »The Life« auf, für das die großartige Claudia Kariuki – der Publikumsliebling Oda Mae aus »The Ghost« – verpflichtet werden konnte, bevor mit »Disgraced« und »Bad Jews« passend zur Präsidentenwahl zwei zeitgenössische Stücke mitten in die Debatten der zerrissenen amerikanische Gesellschaft führen.

gt
Termine: Ab 5. September bis 24. Oktober, Di. – Sa. 19.30 Uhr, So. 18 Uhr
www.english-theatre.de

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