English Theatre begeistert mit »Bad Jews«

Vom Glauben gefallen

Schlechte Juden gibt es reichlich auf der Welt, wenn auch gewiss nicht so viele wie schlechte Christen. Benutzt wird die Wendung im binnenreligiösen Disput, nicht selten selbstironisch von nichtpraktizierenden Mitgliedern jüdischen Glaubens. Und um die Rolle des Glaubens als Fundament der Identität geht es in Joshua Harmons Komödie »Bad Jews« – auch.
Drei Enkel des soeben feierlich beerdigten Großvaters »Poppy« streiten in einem New Yorker Apartment über sein Erbe. Wer erhält sein kostbares Amulett, seinen für ›Leben‹ stehenden »Chaim«? Es ist aus Gold und war eine Art gefühlter Lebensretter für ihn im KZ, wo er es zwei Jahre lang unter seiner Zunge verbarg, um als einziger seiner Familie zu überleben.
Als überzeugte Jüdin meldet Daphna lauten Anspruch auf die Familienpreziose des für sie Abraham-gleichen Mannes. Daphnas Vetter Liam aber, der mit seiner Flamme Melody vom Snowboarden in den Aspen kommt und aus recht  fadenscheinigem Grund (iPhone verloren) die Beerdigung versäumte, will das edle Stück seinem Schatz beim geplanten Heiratsantrag als Halskette anlegen. Auch wenn und weil sich Jonah, sein kleiner Bruder, heraushält, ist der Clash programmiert. Aber reicht das vor dem Hintergrund des Holocaust auch für eine Komödie?
Und ob es reicht, sogar für eine extrem schrille. Dazu trägt bei, dass die vier Protagonisten sämtlich noch im College-Alter sind und auch in der Sprache nicht eben konventionell. 2012 uraufgeführt, ist das Stück in den USA schon nahe am Klassiker und die Rolle der Daphna Feygenbaum eine der begehrtesten.
Im English Theatre gibt es »Bad Jews« in der Regie von Christopher Fox als Erstaufführung in Deutschland zu sehen. Die Kooperation mit dem New Vic Theatre im kalifornischen Santa Barbara bringt auch das US-amerikanische Ensemble auf die sonst eher aus England beschickte Frankfurter Bühne. Dies schon vorweg: Für ihr neues Publikum lassen es die Darsteller beim Sprechen etwas langsamer als im Homeland angehen, was in dem von seinem Tempo lebenden Stück sehr hilfreich ist.
Mit der Ausnahme einer kleinen Unterhaltung vor der Tür spielt das pausenlose 95-minütige Stück in Jonahs (Cory Kahane) Riverside-Studio, das als gedachtes Nachtlager für alle freilich sehr eng ausfällt. Dass der Tod eines geliebten Menschen seine Hinterbliebenen einander näher bringen kann, hilft da wenig und leuchtet nur in einer einzigen – schönen – Szene auf, sonst aber entkommt hier keiner dem anderen. Noch bevor Liam (Adam Silver) und Melody (Stephanie Burden) den Raum betreten, lässt Daphna (Eden Malyn) schon ahnen, was Chuzpe bedeutet, macht sich ihr junger Cousin – vergeblich – auf die Flucht in die innere Emigration.
Wie aus Gewehrsalven prasseln ihre Sätze auf Jonah ein, um ihn auf ihre Seite zu ziehen. Ein sanftes Aufwärmtraining, wie wir bald feststellen, wenn die angehende Israel-Emigrantin im Disput mit Liam zur verbalen Stalinorgel mutiert. Und wie sie sich die extrablonde Melody vorknöpft, kommt gar einer Hinrichtung gleich. Dumm nur, dass Liam ihr wie das seitenverkehrte Spiegelbild in Gemeinheit und Aggression kein bisschen nachsteht – und dafür noch Szenenapplaus erhält.  
Es gehört zu den wunderbaren Wendungen der Komödie, dass Cory Kahanes Jonah in seiner stillen Rolle zum Sympathieträger wird, der am Ende alle beschämt, und dass ausgerechnet das Delaware-Landei Melody mit einer urchristlichen Versöhnungsgeste die absurde Drift dieser Gratwanderung um jüdische Identität bloßlegt.  Sie, die einzige Nichtjüdin, ist es auch, die mit ihrer Interpretation von »Summertime« lauten Jubel im Publikum entfacht, auch wenn die Bühne sonst unzweifelhaft Eden Malyn gehört, deren Daphna wie die Springfontäne eines Las-Vegas-Hotels in immer neuen Figuren in die Lüfte schnellt. Ein großartiges Erlebnis, das bei überbordendem Humor in keiner Sekunde seine Geschichte verrät. Zu gratulieren ist aber auch dem English Theatre, das nach »Disgraced« ein weiteres Mal gelungen das so sensible  wie politisch heiße Thema kultureller Identität angeht. Das schaffen viele nicht, die sich Gesellschaftskritik auf die Fahne schreiben.

Winnie Geipert (Foto: C. Kaufhold)
Bis 23. Juni: Di.–Sa. 19.30 Uhr, So. 18 Uhr
www.english-theatre.de

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