»Eine fantastische Frau« von Sebastián Lelio

Voller Verständnis

Der chilenische Regisseur Sebastián Lelio ist mit »Gloria«, im Wettbewerb der Berlinale 2013 mit dem Silbernen Bären für Hauptdarstellerin Paulina García ausgezeichnet, hierzulande bekannt geworden. Nach dem, auch im Kino sehr erfolgreichen, Porträt einer alleinstehenden älteren Frau, die ihre Einsamkeit zu besiegen wagt, widmet er sich in seinem neuen Film einer Transsexuellen und den Anfeindungen, denen sie sich ausgesetzt sieht.

Ein älterer Mann, so um die 60, und eine Frau, die seine Tochter sein könnte. Auf den ersten Blick ein alltägliches Paar heutzutage. Der Mann scheint Probleme mit seinem Gedächtnis zu haben – auch das ist nichts Ungewöhnliches in diesem Alter. Doch nach einem festlichen Abendessen zu Ehren der Frau, die Geburtstag hat, bricht er zusammen – vermutlich hat er einen Schlaganfall, die üblichen Notmaßnahmen im Krankenhaus kommen zu spät.
Erst als eine Kriminalpolizistin die Frau peinlich befragt, wird klar, dass es sich hier keineswegs um ein »normales Paar« handelt. Denn Marina Vidal war früher ein Mann, und der verstorbene Orlando hat ihretwegen seine Familie verlassen.
Es kommen also eine Menge Unannehmlichkeiten auf sie zu. Die Kommissarin stellt Marina, die zum Broterwerb kellnert und in einem Nachtclub singt, unter Prostitutionsverdacht. Die verlassene Ehefrau kann sich nur mühsam zurückhalten, auf der Beerdigung solle sich Marina keinesfalls sehen lassen. Orlandos Sohn drängt sie, schnell die Wohnung zu räumen. Nur ein Familienmitglied zeigt ein wenig Verständnis für die Ehebrecherin. Die Ablehnung, die eine »normalen Frau« auch ertragen müsste, trifft Marina natürlich bedeutend härter. Sogar vor einer Kofferraum-Entführung schrecken die Männer nicht zurück. Chilenischer Machismo und weibliche Ablehnung gehen Hand in Hand.
Den ganzen Film hindurch ergreift Frauenversteher Lelio Partei für Marina. Sie ist die Sanftmütige, die um ihr Recht auf Trauer kämpfen muss und sich gegen den geballten Hass, der ihr entgegenschlägt, nur mit großer Anstrengung behaupten kann. Interessant, wie Lelio die Wahl einer transsexuellen Hauptfigur in einem Interview begründet hat: »Weil alles, was der Hauptfigur passiert, dadurch verstärkt wird. Ihre Einsamkeit genauso wie ihre emotionale Kraft. Die Tatsache, dass Marina transsexuell ist, verändert die Geschichte, macht sie bewegender, intensiver.«
Lelio weiß genau, was er zeigen soll und was nicht. So erspart er uns eine Sterbeszene, die in den seltensten Fällen gelingt. Und diskret verdeckt ein Handspiegel Marinas Intimbereich, den mancher Zuschauer wohl gern gesehen hätte. Auch die Darsteller sind gut gewählt: Francisco Reyes, der den Orlando spielt, ist sonst der gesetzte Herr in chilenischen Fernsehserien, und für Daniela Vega war die Rolle der Marina eine der schwierigsten Aufgaben ihres beruflichen Lebens. Nicht zuletzt ihre Präsenz macht »Eine fantastische Frau« zu einem kurzweiligen Film, der für Toleranz plädiert und ein gut gelauntes Publikum zurücklässt.

Claus Wecker
EINE FANTASTISCHE FRAU
(Una mujer fantástica)
von Sebastián Lelio, RCH/D/E/US 2017, 104 Min.
mit Daniela Vega, Francisco Reyes,
Luis Gnecco, Aline Küppenheim
Drama
Start: 07.09.2017

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