Doppel mit Schiller

Wer die Theater-Klassiker klassisch mag, kann bei Freiluftspielen sehr viel sicherer sein, auf seine Kosten zu kommen. Auf anderen Bühnen ist es inzwischen Usus, daß der Regisseur den Autor an die Hand nimmt. Auch wenn er Schiller heißt, Ausnahmen (Maria Stuart, Schauspiel Frankfurt) bestätigen die Regel.

tr-don-carlos_stefan-graf-lisa-mies-berthold-toetzke-lorenz-klee_c_bettina-muellerStaatstheater Mainz: Don Carlos

So einen wie den Mainzer Don Carlos (Stefan Graf) hätte man vor geraumer Zeit als »oralen Flipper« bezeichnet. Als »neuen Sozialisationstyp«, der in endlosem Narzissmus nach ozeanischem Wohlgefühl strebt, statt sich an der Welt abzureiben. In weißem Schießer-Feinripp, ärmelfrei, und hellen Shorts auf knallroten Strumpfhosen hat der »Infant« am spanischen Hof von Beginn an ausgespielt: Keiner nimmt ihn ernst.

Stefan Graf spielt ihn prima, doch hätte Schiller mit diesem Gefühlsclown kaum sein Drama im Titel geschmückt. Carlos Verzweiflung um die geliebte Ex und plötzliche Stiefmama Elisabeth von Valois, die ihm der Vater Philipp II entrissen hat, ist dank Karoline Reinke im Lady-Di-Look zwar nachzuvollziehen, doch sind selbst ihr, die ihn anders kennen sollte, seine Avancen nur noch peinlich. Auch der Freiheitskämpfer Marquis Posa (André Willmund) weiß, daß er auf Carlos nicht bauen kann, und spinnt sein Staatskomplott solo. Eine feine Variante, auf die Schiller nicht kam, ist das sich in einem tiefen Kuß entladende Verlangen der Jungkönigin nach dem Politaktivisten.

Regisseur Sarantos Zervoulakos inszeniert Schillers Drama auf einem nur mit einem Thron bestückten, ansonsten aber kahlen Bühnenpodest in Schlafzimmergröße, das keiner der Spieler mehr verläßt. Zuerst aber nimmt die achtköpfige Besatzung, zu der auch Priester, Militär und eine leichtlebige Prinzessin gehören, mit gezwungenem Lächeln Familienaufstellung. Dann blitzt es aus dem Off, und es kommt die das Stück eröffnende Kunde von den schönen Urlaubstagen in Aranjuez, die nun gelaufen seien.

Wir erfahren vom Aufstand der Gefühle (Carlos), dem Aufstand der Niederlande (Posa) und einem König Philipp II (Berthold Toetzke), der zwischen brutalstmöglicher Staatsraison und Familiensinn zum Zentrum des Dramas wird. Zum Tragen kommt das aber nicht wirklich, weil jeder sich stets selbst der Nächste ist. Posas Forderung nach Gedankenfreiheit gerät so zum bloßen Kalkül und Carlos klägliches Empfinden, er sei 24 und habe noch nichts für die Ewigkeit getan, zum Brüller eines ziemlich bunten gerafften Abends.

Termine: 5., 9., 18. + 17.1.2013, 19.30 Uhr

 

Dramatische Bühne: Maria Stuart

Von einem »Trauerspiel«, wie es Friedrich Schiller für »Maria Stuart« vorgab, will bei der Spaßtruppe Dramatische Bühne sowieso niemand etwas wissen. Ja, nicht einmal vom Dichter selbst, dessen Name im Prospekt für die neue Produktion konsequent weggelassen wird. Thorsten Morawietz, Regisseur, Schreiber, Schauspieler und Intendant in Personalunion, hat das Drama um die 1587 hingerichtete schottische Königin mit bewährtem Sprachwitz im eigenen Versmaß verfaßt und vollkommen neu beleuchtet. So eigenwillig und kühn hat er wohl noch keine der klassischen Vorlagen im Repertoire des Ensembles entstellt.

Morawietz betreibt dazu doppeltes Spiel. Er zeigt den Konflikt zwischen der im englischen Exil eingekerkerten Maria und Königin Elisabeth I in einem ersten Durchlauf aus der Palastperspektive als Politthriller, in dem religiöse Weltanschauungen unversöhnlich aufeinanderprallen. Im zweiten wird der Ablauf aus der Sicht der zu Tode verurteilten Maria wiederholt und als Zickenkrieg entlarvt, der alles noble Tun und hehre Sinnen auf Eitelkeit und Geltungssucht reduziert. Keiner im Hofstaat ist, was er scheint oder vorgibt, zu sein, jeder eine multiple Persönlichkeit. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Während der erste Teil die goldglänzende Herrschaftspracht der altersgramen Queen (Simone Greiß!) zur Kulisse hat, in der die jüngere, selbstredend hübschere Mary (Sarah Kortmann) gerade mal einen Kurzauftritt hat, dominiert im zweiten das tiefe Schwarz des Todesverlieses der Giftnudel: die dunkle Kehrseite der Triebe und abgründigen Verlangen. Daß Morawietz die Titelheldin nicht auf dem Schafott sterben lässt, tut nichts, scherte es doch auch Schiller nicht, daß sich die Königinnen nie begegnet sind. Sebastian Huther, Christoph Maasch und der Prinzipal komplettieren in einer Vielzahl von Rollen mit den famosen Hausstatisten ein routiniertes und über alle sprachakrobatischen Kaskaden hinweg textsicheres Team, das richtig Freude macht.

Termine: 11.–13., 18.–20. +  25.–27.1.2013, Fr., Sa. 20 Uhr,  So. 19 Uhr

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