Die Wiesbaden Biennale (25. August bis 4. September) wird zum Stelldichein des Avantgarde-Theaters

Zehn Überfrauen und eine Beerdigung täglich

Alle Achtung! Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, die beiden Macher der »Wiesbaden Biennale 2016« haben mit dem Festival-Slogan »This Is Not Europe« einen empfindlichen Nerv getroffen. Auf der ersten Seite von Google-News weist ihre Wendung Mitte Juli zwar fünf Mal auf ihr Event, aber sie taucht auch als Titel einer Polit-Karikaturen-Schau im belgischen Mons und gleich drei Mal als Zitat auf: ein Gay-Aktivist in den USA unterstreicht damit, dass er nach dem Anschlag in Orlando zu Donald Trump konvertiert, eingeschüchterte türkische Oppositionelle weisen damit auf die öffentlichen Repressionen und syrische Flüchtlinge finden nach ihrer Flucht nicht das, was sie sich von Europa vorgestellt hatten.
Die europäische Identität steht zur Debatte bei diesem Festival, das sich als Fortschreibung der »Europa-Biennale« des Ex-Intendanten Manfred Beilharz versteht, künstlerisch aber nicht mehr viel damit zu tun hat. Brachte das bisher ganz dem Autorentheater verpflichtete Verfahren erfolgreiche Stücke aus einer Vielzahl von Ländern Europas im Original auf die Bühnen des Staatstheaters, wo sie per Audio-System simultan übersetzt wurden, so bestreiten nun ausgesuchte internationale Künstler der Avantgarde mit neuen, vorzugsweise performativen Arbeiten an den verschiedensten Orten der Stadt das Programm. Die Hälfte der knapp zwanzig angesetzten Stücke wird von diesen exklusiv im imaginären »Asyl des müden Europäers« für die »Wiesbaden Biennale« entwickelt. Teils seit Wochen »in residence« vorbereitet, bilden diese »Uraufführungen« das künstlerische Rückgrat der elftägigen Schau. Den zweiten großen Block bilden Gastspiele, die in der Mehrzahl erstmals in Deutschland zu sehen sind.
Im Asyl-Strang des Programms findet der holländische Performer Dries Verhoeven schon vorab reichlich Aufmerksamkeit, nicht nur weil er in Deutschland schon  öfters spektakulär anzuecken vermochte. Verhoevens Performance »Die Beerdigung« sieht über die Dauer des gesamten Festivals in der nahe dem Theaterhaus gelegenen episkopale Church St. Augustine of Canterbury  täglich formgerecht zelebrierte Beerdigungsgottesdienste vor – mit gemeinsamer Prozession zu den Gräbern im Anschluss. An jedem Tag wird in vollem Barock mit Pfarrer, Weihrauch, Messdienern und einem belegten Sarg weihevoll von einem Wert oder einer Idee unserer Gesellschaft Abschied genommen. Mal gilt es, sich der verblichenen Menschenwürde in Europa, mal des deutschen Schuldkomplexes oder verschwundenen Privatsphäre, mal der schönen Vision einer multikulturellen Gesellschaft zu erinnern. Die schon einmal in Utrecht realisierte Idee hat Verhoeven für Wiesbaden neu erarbeitet. Eintritt wird, wie es sich für Beerdigungen gehört, nicht verlangt, aber es werden Blumen und Grabspenden angenommen. Als bereits überlebte Vergangenheit wird die europäische Idee von Thomas Bellincks Installation im Alten Gericht unweit des Bahnhofs ganztägig und bis weit über das Festival ende (bis 18. September, tgl. 11 – 18 Uhr) dargestellt.
Nach einem schon in Italien erprobten Konzept bringt der in Berlin lebende Schwede Markus Oehrn für seine audiovisuelle Performance »Azdora« Wiesbadenerinnen mit Italienerinnen zusammen. Dazu muss man wissen, dass »Azdora« in einem italienischen Dialekt überaus positiv für die gluckenhaft all-zuständige, alles-könnende Haus-Herrin steht, die nun von der dunklen Seite her beleuchtet, wenn nicht gar befreit werden soll. Wie die selbstlose Übermutter von ihrer Rolle erlöst werden kann, wird in vier therapeutischen Ritualen erprobt.
Neben den bereits genannten Künstlern sind auch Rabih Mroué, Margarita Tsoumou, Thomas Hirschhorn sowie Dora Garcia & Udo Niermann mit Neuproduktionen vertreten.
Gast der Biennale wird der russische Regisseur Dmitry Krymov mit »Russian Blues. Auf der Suche nach Pilzen« sein, »ein quietschbuntes Satiremärchen«, das dem Programm zufolge »voller Melancholie und tiefgründigem Witz« auf die russischen Lebensrealität blickt. Beste Kritiken aus Berlin bringt der ungarische Filmemacher Kornel Mundruczó mit, der in dem Stück »Imitation of Life« mit seiner Gruppe »Proton Theatre« den Tod eines jungen Roma in Ungarn verhandelt. Weit weniger euphorisch nahm die Kritik die Premiere »Krieg und Frieden« von Gob Squad auf, was ganz zum blassen Eindruck passen würde, den das Ensemble mit »Western Union« bei den letztjährigen Maifestspielen hinterließ. Für Alternativen ist im Gastspiel-Sektor des Festivals mit »MDLSX« (Silvia Calderoni), »The Parthenon Metopes« (Romeo Castellucci), »Gala« (Romeo Bel) und »Farma Konisi« (Anestis Azas) gesorgt.
Außerdem gibt es ein Konzert der Gruppe Bonaparte, und ein allzeit offenes Festivalzelt. Ob es im temporären Grand Hotel, das in den Räumen des Staatstheaters eingerichtet wurde, noch Zimmer gibt, kann der Leser über die nachgestellte Homepage erkunden.

Winnie Geipert (Foto: Dmitry Krymov – Russion Blues: Auf der Suche nach Pilzen, © Natalia Cheben)
25. August – 4. September
www.wiesbaden-biennale.de

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