Die süße Gier (ab 8.1.2015 im Kino)

fr_0108_Die_suesse_Gier2Wer war es?

»Die süße Gier« von Paolo Virzì

Der deutsche Titel von »Il capitale umano« ist gut gewählt, denn in Paolo Virzìs Film ist die Gier das wichtigste Thema. Die Gier nach Ansehen in der Gesellschaft und natürlich nach Geld. Wenn viele so denken wie die beiden Familienväter, von denen Virzì nach einem Roman von Stephen Amidon erzählt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die nächste Finanzkrise kommt.

Verpackt ist diese Studie der Gier in einen Krimi. Wer war hat den Radfahrer angefahren, der schwer verletzt im Krankenhaus liegt? War es Massimiliano Bernaschi (Gugliemo Pinelli), der Junge aus wohlhabendem Haus, oder seine Freundin Serena Ossola (Matilde Gioli), die Tochter eines Immobilienmaklers, dem finanziell das Wasser bis zum Halse steht. Oder dann doch jemand anderes? Auf jeden Fall bedeutet die Klärung des Unfalls viel Stress für beide Familien.
Dabei hat alles so schön angefangen: Serenas Vater Dino Ossola (Fabrizio Bentivoglio) hofft durch die Verbindung seiner Tochter mit dem Sohn von Giovanni Bernaschi (Fabrizio Gifuni) ans große Geld und in bessere Kreise zu kommen. Giovanni leitet einen Investment-Fonds mit einer angeblichen Rendite von 40 % (wir erinnern uns an Alec Baldwin als Finanzjongleur ohne doppelten Boden in Woody Allens »Blue Jasmine«). Dino, aus dessen Blickwinkel das erste Kapitel erzählt wird, glaubt, mit einem Anteil am Wunder-Fonds seine Geldsorgen loszuwerden, und nimmt hinter dem Rücken seiner Frau Roberta (Valeria Golino), einer Psychotherapeutin, einen hohen Bankkredit auf.
Giovannis Ehefrau Carla (Valeria Bruni Tedeschi), aus deren Sicht das zweite Kapitel erzählt wird, findet in diesen Tagen eine neue Bestimmung in ihrem langweiligen Leben. Sie will ein traditionsreiches, marodes Theater vor dem Umbau in ein luxuriöses Appartementhaus retten und verguckt sich dabei in den Professore Russomanno (Luigi Lo Cascio). Im dritten Kapitel erweist sich Serena, von der man zu Beginn annimmt, sie strebe wie ihr Vater nach sozialem Aufstieg, als tatkräftige junge Frau, die durchaus ihren eigenen Kopf hat. Sie ist in den selbstmordgefährdeten Luca (Giovanni Anzaldo) verliebt, den sie in Robertas Wartezimmer kennengelernt hat.
Man muss sich nicht im italienischen Film auskennen, um zu erkennen, dass der Film hervorragend besetzt ist. Vor allem Valeria Bruni Tedeschi glänzt erneut, diesmal als charmantes Luxusgeschöpf, das seine Unsicherheit zu verbergen sucht. Mit jeweils einer Person im Mittelpunkt erzählt Virzì dreimal von den entscheidenden Ereignissen. Wie in den besten Exemplaren des Thriller-Genres, den Filmen eines David Fincher etwa, erzeugt er einen Sog, der den Zuschauer immer tiefer in die Verstrickungen der Figuren hineinzieht. Gebannt verfolgt man das Geschehen, bis das Krimi-Rätsel im vierten Kapitel aufgelöst wird. Da konnte Virzì, der die Handlung aus den USA nach Italien verlegt hat, die Finanzkrise von 2007 einarbeiten, während Stephen Amidon in seinem 2004 erschienen Roman »Human Capital«, deutsch »Der Sündenfall«, sie erahnt haben dürfte. Zuletzt hat sich, wie im wirklichen Leben, weniger geändert, als man erhoffen durfte.

Claus Wecker

DIE SÜSSE GIER (Il capitale umano)
von Paolo Virzi, I 2013, 111 Min.
mit Valeria Bruni Tedeschi, Fabrizio Bentivoglio, Valeria Golino, Fabrizio Gifuni, Matilde Gioli, Luigi Lo Cascio
nach Roman vonStephen Amidon
Drama
Start: 08.01.2015

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