Die Schirn geht auf die Suche nach der zeitgemäßen Selbstdarstellung

Ich – nicht ich – doch ich?

Bin ich eine Gurke? Nein, ist schließlich durchgestrichen, das »Ich« neben der Gurke. Etwas verrätselt wird mit diesem Bild auf die Ausstellung »Ich« in der Frankfurter Kunsthalle Schirn aufmerksam gemacht.  
Selbstporträts sind das Thema der Schau, denn seit das »Selfie« ein Massenphänomen geworden ist, stellt sich die Frage nach der Darstellung des »Wer bin ich?« für die Kunst neu: Unter den  ungefähr 40 Positionen ist fast kein Gesicht und kaum mehr ein Kopf zu sehen. Worüber könnte sich also der Künstler – anders als Dürer im berühmten Jesus-gleichen Selbstporträt – heute definieren? Wie und wem sich präsentieren? Wie könnte die Essenz des Mensch-Seins gezeigt werden?
Alicja Kwade versucht das mit 22 kleinen Phiolen, die alle Kwades chemische Ingredienzien enthalten. Timm Ulrichs breitet seine errechnete Körperoberfläche aus – auf Papier. Robert Morris zeigt uns das aufgezeichnete EEG, und Florian Meisenberg teilt mit dem Besucher sein aktives Smartphone, denn seine aufgeklappte Schachtel mit Erinnerungen an van Gogh, Chirico und anderen  ist »out of work«.
Fast erschrickt man, wenn um die Ecke lebensgroß eine Figur in Jeans auftaucht, Kopf und Oberkörper unter einem Pappkarton verborgen (Thorsten Brinkmann). Aus einem Ei heraus tritt Sarah Lucas ziemlich derb in unser Gesicht, ihres zeigt sie nicht. Was früher auf dem noch analogen Familienfoto von nicht mehr gutzumachendem Dilettantismus zeugte, der abgeschnittene Kopf, wird zum Prinzip. Fotografische Selbstporträts, wenn sie denn doch, wie von Jack Pierson gewagt werden, gehen nur mit Stellvertreterpersonal: vom Kind über den Jüngling zum Mann mit Markenunterwäsche und zu den Wunden des Heiligen Sebastian. Das angesagte »Ich« scheint nur noch mit Ironie, in der Reduktion oder mit großer Distanz darstellbar. Um auf die Gurke zurückzukommen: Sie ist keineswegs durchgestrichen, sondern steht auf sechs mal sechs (!) Sockeln männlich aufrecht (!) in allen Varianten von der Essig- bis zur Salatgurke. Erwin Wurm nennt seine Installation folgerichtig »Essiggurkerl«, was neben der österreichisch-bayerischen Verkleinerung auch sprachlich anlautet. Mit im Ich-Boot werfen auch viele kleinere zartere Arbeiten von Rosemarie Trockel, Ryan Gander, Jonathan Monk und anderen die Frage nach der Identität neu auf.

Katrin Swoboda (© VG Bild-Kunst)
Bis 29. Mai: Di.–So. 10–19 Uhr; Mi., Do. bis 22 Uhr
www.schirn.de

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