Die Kunsthalle Schirn gibt »Peace« eine Chance

Friede Freude Eierkuchen

Love & Peace oder Krieg und Frieden? Ganz offensichtlich wird mit der Ausstellung »Peace« in der Frankfurter Schirn eher das Begriffspaar aus der glücklichen Hippiewelt der Siebziger verbunden. Das Plakat mit dem süßen weißen Kätzchen und den goldigen Meerschweinchen – ein anderes zeigt einen weißen Grabstein – scheint in die Klischee- und Kitschkiste zu passen.
Aber was, wenn die Katze größer und die Meerschweinchen Beutetiere werden? Folgerichtig schließt sich die Frage an, wie Frieden denn geht zwischen Menschen, zwischen Mensch und Tier, Mensch und Natur, Natur und Natur? Zwölf internationale Künstler setzen sich in der Schirn damit auseinander. Zu Beginn eher sinnlich lustvoll beim Wühlen in einem bunten Haufen Fadenresten: Wo die verborgenen sechs Goldkettchen zu finden sind, scheint, wenn man den sich vergnügt kuschelnden und balgenden Menschen darin zusieht, unwesentlich. Lust statt Gier = Frieden (Surasi Kusolwong: »Golden Ghost«)? Zum Frieden kann auch unser Brief beitragen, der bisher Ungesagtes ausspricht, offen oder geheim, mit Adresse und Absender. In einer der drei Holzboxen am Eingang kann man ihn aufgeben, auf Wunsch wird er auch zugestellt (Lee Mingwei: »The Letter Writing« Project).
Auch was Frieden gefährden könnte, findet einen Platz. Die Vermarktung von Gesundheit, Schönheit, Spiritualität und Konsum hinterfragt ein Peace-Symbol, das in seiner Ähnlichkeit mit dem Pepsi-Cola-Logo irgendwie leer wirkt (TimurSi-Quin, »New Peace Pro Sign«). Beeindruckend sind die Werke einmal von Minerva Cuevas, die ein wandfüllendes Plakat für das französische Mineralwasser Evian verfremdet, indem sie das Logo durch den Schriftzug »Egalité«, ersetzt: für alle soll das Trinkwasser sein. Auch Ulay geht mit der Installation eines von der Decke fallenden Wassertropfens, der auf einer Heizplatte verglüht, den Eigentumsverhältnisse nach: »Whose Water Is It?« fragt er in Leuchtschrift. Mit Tieren lässt sich Heather Phillipson in ihrer nicht leicht verständlichen Auseinandersetzung von Pudel- und Menschenmasken ein (»100% Other Fibres«). Michel Houellebecq, der einzige hier, der wohl allen geläufig ist, findet seinen ganz persönlichen Frieden im »Salle Clément«: mit Bildern und Fotos seines verstorbenen Hundes sowie einer gläsernen Vitrine mit dessen Spielzeug: eine kaum für jeden nachvollziehbare Botschaft.
Andere Installationen thematisieren die Entstehung von Sprache und Zeichen (Agnieska Polskas Videoarbeiten) oder die Verbindung von digitalen Daten mit Werken des Humanen (Katja Novitskova, Ed Fornieles), während Jan de Cock sehr massive abstrakte Stein- und Betonskulpturen im öffentlichen Raum der Stadt Frankfurt platziert – und wieder entfernt hatte (»Everthing For You«, Frankfurt). Als Foto in einer kostenlosen Zeitung festgehalten, können sie mitgenommen werden.
Am schönsten ist für die Besucher der letzte Raum der Ausstellung. »Occasion« von Isabel Lewis bietet die seltene Gelegenheit, aus einer Fensterwand der Schirn direkt ins Freie auf den Dom, den Main, die Straße zu schauen. Bequeme hölzerne Sitzgelegenheiten zwischen hohen Grünpflanzen laden zum Verweilen, wunderbar nicht nur, wenn just eine Musik- oder Tanzinstallation dort stattfindet. Einem für die Ausstellung entwickelten neuen Peace-Logo, ein blauer Punkt auf weißem Grund, kann man in der Stadt begegnen, manchmal mit einem kleinen weißen Fahrzeugzeichen verziert, vielleicht auch das ein Beitrag zum Frieden.

Katrin Swoboda (Foto: © Neven Allgeier)
Bis 28. September 2017: Di.–So. 10–19 Uhr, Mi., Do. bis 22 Uhr
www.schirn.de

 

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